CDU - WZ vom 11.8.2017      


Blühende Landschaften für Vögel und Insekten

Was machen Ringelblume, Borretsch, Phacelia und Sonnenblumen auf Wetterauer Äckern? Für Landwirtschaftsmeister Gerhard Rack aus Dorn-Assenheim ist dies leicht zu beantworten. Seit vielen Jahren kombiniert er Agrarwirtschaft und Artenschutz.

Reichelsheim – Dorn-Assenheim (hh.) „Hier wird Hand in Hand gearbeitet“, begrüßt Gerhard Rack Imker Jean Schwabe. Treffpunkt ist ein idyllischer Blühstreifen in der westlichen Dorn-Assenheimer Gemarkung, den Rack zwischen seinem Getreidefeld und der Streuobstwiese von Alfons Dönges angepflanzt hat. Und inmitten des ökologischen Zusammenspiels finden sich die Bienenvölker von Schwabe.

Rack beteiligt sich seit Jahren an Agrar-Umweltmaßnahmen. Rund 5 Hektar hat er dabei selbst als ökologische Vorrangfläche ausgewiesen. Neben fünf Blühstreifen sorgen auch Lerchenfelder, Grünwiesen oder Hamsterstreifen für biologische Vielfalt. Hier bleibt das Korn noch bis Mitte Oktober stehen, um den bedrohten Nagern und Vögeln zur Erntezeit einen Unterschlupf zu bieten.

Doch zunächst ist ein schier grenzenloses Insektenreichtum der Hingucker. Schmetterlinge, Wildbienen, Hummeln oder Tagfalter summen um die Wette. „Das sind botanische Highlights, paradiesische Zustände“, schwärmt auch Ralf Eichelmann, Leiter der Fachstelle Agrarförderung bei der Kreisverwaltung. Im Kontrast zu den bewirtschafteten Wiesen zeigt sich dem Agrarwissenschaftler ein „Blumenmeer, wie es in der hiesigen Kulturlandschaft fast verschwunden ist“. In der Wetterau gibt es davon noch 6 – 7 Hektar, doch Dank Rack finde man wieder solcher Raritäten.

Auch Imker Schwabe profitiert. Nach dem Frühling mit der Obstbaum- und Rapsblüte fehlt es seinen Bienenvölkern im Sommer und Spätsommer an Nahrungsquellen. „Weit und breit nur Grasland“, konstatiert der Hobbyzüchter, die Blütenvielfalt von Rack schafft Abhilfe. Ihm geht es um Nektarangebote für die Bienen, die Gärten in den Dörfern würden in dieser Funktion zusehends verarmen. Doch „bei dem Angebot hier in freier Flur fliegen meine Honigproduzenten auch mal um ein paar Ecken weiter aus dem Dorf raus.“

Neben Insekten nutzen vor allem Vögel die Blühstreifen als Futterquelle. Aber auch Rebhühner, Grauammer und Feldlerche finden hier einen reich gedeckten Tisch. Immerhin sei die Wetterau eines der letzten Kerngebiete der Grauammer in Westdeutschland. Das muss auch vom Pflanzenschutz der Nachbarflächen her passen, erläutert Rack, „hier wird Millimeterarbeit geleistet. Seine Prognose: „Nach der Ernte tummeln sich hier wieder viele Tiere“, die Population vieler Arten sei im Laufe der Jahre gewachsen.

Dabei verzichtet er auch auf so manchen Quadratmeter ertragreicher Ackerfläche. Hier hält er „kleine Start- und Landebahnen“ für die seltene Feldlerche und andere Vögel frei. "Es ist einfach schön, wenn auf den Feldern mehr Leben ist", outet sich Rack als Naturliebhaber und hat mittlerweile rund 170 solcher etwa 20 Quadratmeter großen Feldvogelfenster angelegt. Inmitten des Getreides können sich so die Vögel in Schutzzonen aufhalten, um ihre Jungen großzuziehen.

"Das macht kaum Arbeit“, sagt Rack, „ich muss beim Aussäen nur kurz die Maschine anheben, damit eine Saatlücke entsteht." Dann zählt er bis 15 und fährt die Maschine wieder hoch. Pro Hektar sollen es drei bis fünf Fenster sein, akribisch hakt er diese in einer Liste ab. Im ersten Jahr hätten ihn Passanten noch gefragt, ob er bei der Aussaat nicht den einen oder anderen Landstrich vergessen habe, lacht der Landwirt.

Trotz Fördermittel des Landes steckt der Dorn-Assenheimer viel Idealismus in diese Projekte. Entschädigungen gibt es nur für den Ernteausfall, alles Weitere ist Engagement für Natur und Artenerhaltung. „Das machen vergleichsweise wenige Landwirte“, lobt Eichelmann, der die Fördertöpfe verwaltet, „aber Herr Rack ist schon lange dabei, da gehört eine gewisse Leidenschaft dazu.“ Die Wetterau mit ihren hervorragenden Ackerböden benötige einen Ausgleich für die intensive Bewirtschaftung, das könne mit solchen Maßnahmen effizient erreicht werden.

Doch Eichelmann schwärmt von mehr, von einer Verbindung hin zum benachbarten Bergwerksee. Dort finden sich Kräuter- und Frischwiesen, die extensiv durch Schafhutungen genutzt werden. Mit Blick auf die dort anstehenden Maßnahmen spricht er von traumhaften Verhältnissen und einem Modell für die gesamte Wetterau. Und als es dann wieder in der Luft summt, schmunzelt Imker Schabe. „ Da richten meine Bienen dann einen Nektarpendelverkehr ein.“

Foto: Demonstrieren das ökologische Zusammenspiel: Alfons Dönges kümmert sich um die Streuobstwiese, Jean Schabe züchtet Bienenvölker, Ralf Eichelmann koordiniert und Landwirt Gerhard Rack schafft die Biotope

Foto hh.