Portrait - WZ vom  14.8.2018      

Ferkelerzeugung in stürmischen Zeiten

Alfred, Patrick und Christopher Ess stehen vor immensen Herausforderungen

Reichelsheim – Dorn-Assenheim (hh.) Wir sind eine reine Männerwirtschaft“ lacht Patrick Ess. In Kooperation mit seinem Bruder Christopher betreibt er die Ferkelerzeuger Ess GbR. Vater Alfred stieg vor einem Jahr aus, ging in den Vorruhestand. Ein Schritt auf dem Papier, denn wie seine Söhne hat er seinen täglichen Arbeitsrhythmus. Nachdem eine Preismisere die Milchvieh- und Bullenmast-Strukturen zerschlagen hatte, spezialisierte sich Ess auf die Ferkelaufzucht. Patrick stieg mit ein, später auch Christopher.

2011 folgte die Erweiterung, als Christopher die Ausbildung zum Landwirt begann. Doch das Geschäftsmodell von nunmehr drei Familien unterliegt Weltmarktpreisen, als Unternehmer tragen sie das volle Risiko. Für die Landwirte ist die Ferkelaufzucht dennoch eine Leidenschaft. In zwei Ställen versorgen sie derzeit um die 340 Muttersauen und rund 1300 Ferkel. Diese werden bis 30 Kilo aufgezogen und an den Mäster verkauft.

Das Trio legt dabei wert auf eine verantwortungsvolle Tierhaltung, für Schlagworte wie Massentierhaltung sind sie die falsche Adresse. In den Stallungen relaxen Sauen vor sich hin, die Ferkel machen es sich auf der Fußbodenheizung bequem oder suchen Futterstellen auf. Ketten baumeln von der Decke – zum Spielen. Ein ausgeklügeltes Belüftungssystem trägt zudem dem unterschiedlichen Wärmeempfinden der Tiere Rechnung.

Der Betrieb fasst 1800 Aufzuchtplätze. Die Tiere werden intensiv betreut, die Gesundheit überprüft, Fieber gemessen. Auch die Reinigung und Desinfizierung der Ställe ist ein wichtiger Punkt. Dabei folgt die Aufzucht einem Kreislauf mit speziellen Haltungsformen: Deckzentrum, Wartestall, Abferkelstall, Ferkelstall.

Patrick kontrolliert Deckzentrum und Wartestall, geht in den Aufzuchtbereich. Christopher kümmert sich um die Saugferkel, bereitet die Milchfütterung vor. Der Vater füttert die Sauen im Abferkelbereich. Nach der Geburt werden die Ferkel zudem mit Eisen gegen Blutarmut behandelt, über Ohrmarken gekennzeichnet. Die Technik regelt die komplette Futterküche, wobei einer mobile Mahl- und Futteranlage das eigens produzierte Getreide mit hochwertigen Mineralstoffen verarbeitet.

Im Deckzentrum wird durch künstliche Besamung der Grundstein für gesunde und vitale Ferkel gelegt, doch stimulieren Eber vorher die Sauen. „Das fördert die Rausche“, sagt Patrick. Hier brauchen die Tiere viel Ruhe, denn Rangkämpfe in der Gruppe könnten in dieser Phase zum Verlust der Trächtigkeit führen. Das Sperma steuert übrigens eine Eberstation bei und wird anhand der gewünschten Fleischeigenschaften ausgewählt. Per Ultraschall kontrollieren die Landwirte, ob die Sauen tragend sind. Dann wechseln die Tiere in den großzügig angelegten Wartestall. Hier verbringen sie die meiste Zeit, rufen über einen Chip am Ohr ihr Futter an den Futterstationen ab.

Im Abferkelbereich schließlich liegen die Sauen in Ferkelschutzkörben. Sie sollen die Kleinen vor dem Erdrücken und den Landwirt vor aggressiven Muttertieren schützen. Das System ist dem Fruchtbarkeitszyklus der Tiere angepasst. Rund 50 Sauen werden in einer Gruppe gehalten. Es ist die stressigste Phase für die Halter, „hier sind wir bis zu 12 Stunden täglich im Stall“.

Doch die Ferkelerzeuger stehen unter massivem Druck. Ein Bündel an gesetzlichen Maßnahmen sei aus eigener Kraft nicht zu schultern. Es geht um das Kastrationsverbot, den Kastenstand oder die Düngemittelverordnung.

Die Uhr tickt. Bis Jahresende muss eine Lösung für den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration gefunden sein. Verfahren durch den Tierarzt oder die Immunokastration seien teuer und wenig praxisgerecht. Auch die Ebermast sei im Hinblick auf Fleischqualität und Verbraucherakzeptanz untauglich. Ein im Wettbewerb tragfähiges Verfahren werde aber verwehrt. Alfred Ess pocht auf den 4. Weg, der lokalen Betäubung durch den Landwirt selbst. Dänemark und Holland praktizierten dies bereits und exportieren so rund 11 Millionen Tiere. Für den Landwirtschaftsmeister eine Wettbewerbsverzerrung. Der hessische Kastenstandserlass fordert zudem massive Investitionen in Um- und Neubauten. „Wir haben gebaut wie genehmigt“, mahnen die Landwirte. Jetzt sollen sie ein Konzept vorlegen, „das so nicht machbar ist“

Überhaupt werde der Landwirt heute in eine Ecke gestellt, in die er nicht gehöre. Tierschutzaktivisten dringen teils legitimiert von der Justiz in Ställe ein, um die Landwirte zu Effekt-haschend zu diskreditieren. Ess kritisiert die Unberechenbarkeit gesellschaftlicher Vorgaben, die unreflektiert den Forderungen von Tierschützern nachrenne. „Politik und Gesellschaft sollten sich über die Konsequenzen im Klaren sein, wenn Betriebe aus der Produktion aussteigen: „ Im Supermarkt hat der Verbraucher dann keinen Einfluss mehr auf die Herstellung von importiertem Fleisch.

Auf Sicht von 15 Jahren soll der Betrieb weiter wachsen. „Wenn aber“, so die Runde unisono, „Endprodukte nicht teurer oder geforderte Investitionen nicht unterstützt werden, wird das propagierte System zum Betriebskiller.“

Betriebsspiegel:

  • Betriebsgemeinschaft: gegründet 2007 von Alfred Ess, seit 2017 von Patrick (30) und Christopher Ess (26) betrieben.
  • Zwei Gebäude mit Ställen für 350 Sauen und 1800 Ferkeln auf 2400 qm
  • Jahreserzeugung ca. 10.000 Ferkel
  • Der erste Stall wurde 2003, der zweite 2011 mit EU-Fördermitteln gebaut
  • Hinzu kommen 95 ha Ackerland, davon werden 75 ha Getreide, die 80 Prozent des Futterbedarfs der Sauen und Ferkel decken, Raps und Zuckerrüben werden verkauft

Fotos:

„Wenn es den Tieren nicht gut geht, erwirtschaften wir kein Einkommen“, sagen Christopher, Alfred und Patrick Ess

Hinten Fußbodenheizung, vorn gibt‘s Futter per Computer: Rund 30 Ferkel lümmeln sich in einer Box.

Fotos: hh.