Harmonie - WZ vom 12.11.2014

Atemlos dem Spirit of 69 und Glasnost auf der Spur

Herbstkonzert des Musikverein Harmonie - Bunter Mix aus klassischer Blasmusik und zeitlosen Popsongs

Reichelsheim – Dorn-Assenheim (hh.) Mit musikalischen Klassikern und überraschenden Höhepunkten gestaltete der Musikverein Harmonie einen kurzweiligen Konzertabend. „Wir haben versucht, den Herbst in die Sport- und Festhalle zu bringen“, stimmte Vorsitzender Helmut Weitz das Publikum auf ausdrucksstarke und unterhaltsame Stücke ein. Dirigent Andreas Schmidt spannte das Repertoire von melancholischer jiddischer Musik bis zu modern aufgepeppten russischen Stücken. Sein Fazit: Die Musiker beherrschen konzertante Blasmusik genau so stilsicher wie aktuelle Songs oder die Legenden der 60er Jahre. Pfiffig war die Moderation, zu jedem Stück trat ein Musiker ans Mikrophon.

Schwungvoll startete die Harmonie mit dem Montana Marsch, dessen facettenreiche Melodienführung jedem Register einen eigenen Auftritt bescherte. Im Kontrast hierzu erinnerte Glasnost nicht nur an den Mauerfall vor 25 Jahren. Klanggewaltig kombinierte die Harmonie Motive der ehemaligen UdSSR-Hymne mit Jazzrhythmen aus dem Volkslied der Wolgaschlepper bis hin zum Big Band Sound von Tschaikowskis Nussknacker Suite. Die modern verarbeiteten Rhythmen spielte das Orchester routiniert sowohl in den leisen Passagen als auch im gewaltigen Fortissimo.

Verschiedenen Stilrichtungen überzeugend zu interpretieren, das schafften die Musiker auch beim funkensprühenden Nostalgietrip in die Zeit der 60er mit Flower Power und Woodstock. Im Spirit of 69 wurden hippige Songs der Monkees genauso lebendig wie der Sound der Bee Gees in der Ballade Massachusetts oder bodenständige Countrymusik. Dabei ist die instrumentale Umsetzung eines Gesangsstücks immer eine Herausforderung, die sich hier in einer breiten und geschlossenen Tonführung artikulierte.

Dabei vernachlässigte das Orchester auch die traditionelle Blasmusik nicht. In einer Reminiszenz an Ernst Mosch erklang der Walzer Rauschende Birken, bevor das Publikum einem der Bestseller des Genres applaudierte. „Ein halbes Jahrhundert“ hat alles, was eine Polkahymne braucht, vor allem aber ein sehr gut klingendes Trio mit einem grandiosen Zwischenspiel und bot zudem den Solostimmen Gelegenheit zur Profilierung.

Klezmer ist eine aus dem Judentum stammende Volksmusiktradition. In der Version für Blasmusikorchester meistern die Holzbläser die typischen Violinensoli und so erklang mit Klezmeria eine Synthese aus Leidenschaft, Dynamik und Sentimentalität. Für die Musiker war es eine komplett neue Stilrichtung: Mal verschleppte, dann beschleunigte die Harmonie, tauchte mit einem feinfühligen Zusammenspiel in melancholische wie temperamentvolle Stimmungen gleichermaßen ab.

„Wir wollen den Draht zum aktuellen nicht verlieren“, erläutert Schmidt und wählte ein mitreißendes Medley mit Erfolgstiteln von Helene Fischer. Die in einfacher Schlichtheit gehaltenen Melodien erzielten eine große emotionale Wirkung. Schon als die ersten Takte erklingen, swingt das Publikum mit und die Partyhymne Atemlos zauberte gar ein Gänsehautfeeling auf die Bühne. Das pfiffige Arrangement wurde den Stärken der Musiker in einem pointierten Zusammenspiel von Saxophon, tiefem Blech im Refrain und in leisen Holzbläsernparts gerecht. Der Dirigent lobt: „Die Musiker haben das Stück verstanden und in den einzelnen Registern einen eigenen Sound entwickelt.“

Erlaubt ist was gefällt – dies war der Slogan des folgenden Wunschkonzerts mit klaren Präferenzen des Publikums: Viel Egerland, schöne böhmische Polkas, Udo Jürgens ein Schuss Blues, Les Humphries und natürlich ein Medley einer der berühmtesten Bands der neueren Musikgeschichte: Abba Gold.

Foto: Blick in das Blasrochester: Die Harmonie überzeugte mit einer konzentrierten Vortragsweise / hh.