Concordia - WZ vom 15.07.2014

Überraschen, probieren, tolerieren und Traditionen pflegen

Gesangverein Concordia: Über 150 Jahre Freude am Singen und die Herausforderung, Menschen für den Chorgesang zu begeistern

Reichelsheim – Dorn-Assenheim (hh.) Am kommenden Samstag feiert der Gesangverein Concordia seinen 150. Geburtstag. Für Vorsitzende Ilona Böhm und Dirigent Tobias Lipka gilt es den Verein als Kulturträger auch künftig zu positionieren, ihn in den Köpfen der Menschen präsent zu halten. Im Interview sprechen beide über den Spagat, Tradition und Moderne zu verbinden und die Herausforderung, junge Menschen für den Chorgesang zu begeistern. 

Herr Lipka, Sie sind Dirigent der Concordia. Was macht Ihnen an dieser Arbeit Spaß?

Ich finde, dass die Arbeit mit Chören immer ein spannender Job ist. Es gibt viel zu entdecken und stets voneinander Neues zu lernen. Die Vielseitigkeit und die immer neuen Herausforderungen lassen keine Langeweile aufkommen. Besonders reizvoll ist es, neue Lieder einzustudieren und den Chor dabei zu beobachten, wie er Stück für Stück dem Lied seinen eigenen Klang verleiht und immer mehr Spaß daran bekommt.

Frau Böhm, wenn Sie auf Ihre Arbeit zurückblicken, was hat sich seit dem Jubiläum vor 25 Jahren verändert?

Damals war es leichter, junge Leute für die Chorarbeit zu begeistern. Junge Leute wollen mehr englisch singen, ältere dagegen deutsch. Genau diese Erwartungen hat auch das Publikum. Da gilt es einen Kompromiss zu finden.

Wie muss Chorgesang heute sein? Was sind die Herausforderungen, was erwarten die Zuhörer?

Lipka: Natürlich sind im Chorgesang die Ansprüche gestiegen. Früher bedienten Chöre klare Sparten. Es wurden Volkslieder, weltliche Klassik oder Kirchenlieder gesungen. Diese Orientierung rührte von einer tiefen Traditionsbewusstheit, heute hat sich dies aber gelockert. Viele Chorleiter studierten moderne Chorliteratur wie Gospel, Rock und Pop ein, es wird mehr Wert auf komplexe und rhythmisch anspruchsvolle A-Cappella Songs gelegt. Dabei muss der Spagat zwischen Jung und Alt bewältigt werden. Wobei nicht unbedingt gilt, dass junge Menschen immer modern singen wollen und ältere Semester die traditionelle Chorliteratur bevorzugen. Viele wollen frischen Wind im Chor, andere kommen genau deshalb nicht. Sie wollen die schönen alten Lieder mit ihrer unvergleichlichen Harmonik singen.

Ob ein Chor den Spagat bewältigt, entscheidet dann der Zuhörer. Manche versuchen es erst gar nicht, werden belächelt und bleiben auf der Strecke. Andere übertünchen mit geschickten Arrangements ihre mangelnde Aufgeschlossenheit. Wieder andere scheitern an moderner Chorliteratur und die traditionellen Vereine sind mit dieser Schnelllebigkeit oft überfordert. Heute muss jeder Chor um seine Zuhörer kämpfen. Oft geht dieser Kampf verloren und der Chorbetrieb wird eingestellt.           

Wo setzt die Concordia ihre Schwerpunkte? Wie will sie neue und junge Menschen für den Chorgesang begeistern?

Böhm: Mit mehr Schlager und Musical Songs und Lipka ergänzt: Mit Toleranz, jeder soll sich im Chor entwickeln können. Wer sagt, er hätte nie Englisch gelernt, kann trotzdem englische Lieder singen. Und ein junger Mensch kann auch großen Gefallen an klassischer Chorliteratur finden. Alles ist möglich, wenn die Grundeinstellung stimmt. Daher lautet mein Motto: „Überraschen, probieren, tolerieren und Traditionen pflegen“.

Herr Lipka, wie sehen Zukunftspläne der Concordia aus?

Öffentlichkeitsarbeit ist sehr wichtig. Dazu ist es notwendig neue Wege zu gehen. Ein Beispiel ist unser Auftritt bei der Landesgartenschau oder die Durchführung von Chorprojekten. Wenn die Interessen innerhalb des Chores zu weit auseinander gehen müssen sich Gruppen bilden. Dies muss allerdings mit Geschick umgesetzt werden, da nicht jeder Sänger in zwei Gruppen singen wird. Im Speziellen fehlt bei uns eine Abteilung für moderne Chorliteratur im jungen bis mittleren Erwachsenenalter.

Frau Böhm, was erwarten Sie sich vom Festjahr persönlich und für den Verein?

Persönlich viele neue Sängerinnen und Sänger. Ein Festjahr ist für einen kleinen Verein ein riesiger Kraftakt. Deshalb wünsche ich mir, dass sich die vielen Mühen lohnen und unsere Veranstaltungen gut besucht werden.

Foto: Steuern die Concordia im Jubiläumsjahr: Vorsitzende Ilona Böhm und Dirigent Tobias Lipka


 

Die Vereinsgeschichte im Zeitraffer

Zum Kommersabend des Gesangvereins Concordia am 19. Juli 2014

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwappte eine Welle von Vereinsgründungen durch Deutschland, darunter besonders viele Gesangvereine. Die Euphorie ging auch an Dorn-Assenheim nicht spurlos vorbei, mittlerweile zählt Gesangverein Concordia 150 Jahre. Mündlichen Überlieferungen zufolge wurde mit dem Singen aber schon früher begonnen, es wird vermutet, dass 1864 bereits das erste Sängerfest stattfand und somit die erste Vereinsfahne angeschafft wurde.

Immerhin 35 Sänger, so die erste Chronik von 1886, suchten nach einer Freizeitbetätigung außerhalb der Familie und trafen sich regelmäßig in den Singstunden. Dabei zeigte sich bereits die bis heute andauernde enge Verbindung zum Musikverein Harmonie, vertraglich wurde damals die Finanzierung zur Beschaffung von Musikinstrumenten geregelt.

Andererseits hatte der Verein mit eigenen Problemen zu kämpfen. Dirigenten wechselten häufig, Singstunden wurden rar. Der Grund lag auch in den schlechten Verkehrsverhältnissen: Die Chorleiter kamen von außerhalb und das meist zu Fuß. Desöfteren machte die Concordia so aus der Not eine Tugend. Als 1923 die Inflation alles Vermögen vernichtete war es vielen nicht möglich, die wenigen Reichspfennige für den Mitgliedsbeitrag aufzubringen. Der Verein fusionierte mit der Sangesabteilung des Turnvereins und konnte nunmehr 40 aktive Sänger zählen. Das Vereinsleben blühte und die Sänger widmeten sich auch künstlerischen Aktivitäten. Zahlreiche meist humoristische Theaterabende im Dorf wie bei auswärtigen Gastspielen belegen dies.

Infolge der beiden Weltkriege kam das Vereinsleben zweimal zum Erliegen, 1920 und 1947 musste die Concordia wieder bei Null beginnen. Aber es zeigte sich bereits damals: Gesang begeisterte die Dorn-Assenheimer immer wieder aufs Neue. 1947 kamen bei einem kirchlichen Auftritt erstmals weibliche Stimmen zum Einsatz. Der grandiose Erfolg bestätigte die Vereinsführung, den bis dato geführten Männerchor in einen gemischten Chor umzuwandeln. Das Vereinsleben steuerte auf einen Höhepunkt zu, über 80 Sänger zählte die Concordia damals. Bei den Jubiläumsfesten 1965 und 1964 war dann auch das ganze Dorf auf den Beinen.

Knapp 30 Jahre später wagte die Concordia einen weiteren Schritt in Richtung eines attraktiveren Freizeitangebots. Gemeinsam mit dem benachbarten Liederkranz gründete sich der erste Kinderchor, damals kamen rund 60 Kinder aus Reichelsheim und Dorn-Assenheim in die Singstunden. Dabei zeigte sich immer wieder, dass Jugendarbeit sehr stark vom Zeitgeist abhängig ist. Weitere Anläufe wie die Gründung der Flowerbirds und der aktuelle Kinderchor im Jahre 2013 folgten. Auch bildeten sich aus der Concordia heraus Gesangsgruppen, die ihren Schwerpunkt auf Arrangements abseits bestehender Pfade legten. In den 90er Jahren formierte sich der Belcanto Chor und sorgte für so manchen Konzerthöhepunkt, heute begeistert die Gruppe B.o.B im A Capella – Stil mit sprühendem Charme ihr Publikum.

Immer wieder pflegte die Concordia Kontakte zu befreundeten Vereinen, veranstaltete oder besuchte Sängerfeste und Liederabende. Das Ziel hierbei: Das Repertoire stets kritisch überprüfen und Impulse für die eigene Arbeit zu gewinnen. Dabei haben sich bis heute andauernde Traditionen entwickelt wie das seit 1979 meist mit dem Musikverein durchgeführte Adventskonzert oder aus der jüngeren Zeit das seit 2011 etablierte Weinfest.

Foto aus dem Jahr 1951: Gemütliche Sangesrunde vor dem Sängerfestauftritt in Bingenheim


Seit 1979 ein Dauerbrenner: Das alljährliche Adventskonzert, hier eine Aufnahme von 2013.


Am Wochenende: Festkommers, Blasmusik und Gesang

Nach dem Mundartabend im Januar und dem Kirchenkonzert im Mai wird nun gefeiert. Unter dem Motto 150 Jahre Freude am Singen steigt am Samstag, 19. Juli um 20 Uhr in der Sport- und Festhalle der Festkommers mit buntem Abend und der „Uffspiel-Kapell“. Am Sonntag findet um 10.30 Uhr ein Festgottesdienst statt, danach wird ein Mittagstisch angeboten. Der Musikverein Harmonie leitet zum Nachmittag über, wo dann die Festdamen und befreundete Gastvereine ihren Auftritt haben. Zudem ist ein Kuchenbuffet vorbereitet. Der Festreigen schließt sich mit einem Kinderfest im September und dem Weinfest am 12. Oktober.