IG Biogasanlage - WZ vom 10.5.2014

„Ich habe zwei Kinder, muss das Hoftor verriegeln“

Nach Bürgerversammlung hat sich eine Bürgerinitiative gegen die Biogasanlage Florstadt formiert

Reichelsheim – Dorn-Assenheim (hh.) Verkehr, Lärm, Gestank und eine wenig anschauliche Biogas-Immobilie. Dazu Häuser und Grundstücke, die an Wert verlieren und die Frage ob Nahrungsmittelanbau zu energetischen Zwecken überhaupt ethisch vertretbar sei. Dies jedenfalls befürchten und thematisierten die Initiatoren der Interessengemeinschaft gegen die Biogasanlage Florstadt und so argumentierten auch rund 170 Bürger, die zum Informationsabend ins Pfarrheim kamen. Darunter befanden sich 30 Landwirte mit ihrem Frontmann Herwig Marloff, die vehement für ihren Berufsstand eintraten und Vertreter des potentiellen Investors Südzucker AG. Auch Bürgermeister Bertin Bischofsberger und sein Kontrahent Martin Welti bezogen Stellung.

„Wir sehen extreme negative Auswirkungen für die Bevölkerung“ resümiert Axel Schmidt, der sich gegen die Pläne stark macht. Schmidt ist Mitbegründer der Interessengemeinschaft und hatte mit Katrin und Andreas Schmidt eine Präsentation vorbereitet. Hiernach plane die juwi Energieprojekte GmbH bis Ende kommenden Jahres eine Biogasanlage auf einer Fläche von 6,5 Hektar, in der jährlich 63 000 Tonnen Biomasse zu Biogas verarbeitet werden und ins Erdgasnetz eingespeist werden sollen. Zudem fallen rund 53.000 Tonnen Gärreste an, die wieder auf die Felder eingebracht werden.

„Aus der Kornkammer Wetterau darf kein Rohstofflager für Biogas werden“ spricht Dr. Katrin Schmidt vielen Teilnehmern aus dem Herzen. Wertvolle Nahrungsmittel würden vergoren, Böden würden inklusive folgender Nitratbelastung durch die abgefahrenen Gärreste überdüngt. Zudem entstünden ökologische Probleme durch Monokulturen, Massentierhaltung werde gefördert. Der benötigte Hühnertrockenkot kristallisierte sich zum Diskussionspunkt: „Juwi hat keine viertelmillion Hühner, die werden aus Großbetrieben in Holland und Niedersachsen angekarrt.“

Michael Paulencu outet sich als Zuckerrübenanbauer. Er kontert: „Die EU zwingt uns, Flächen stillzulegen, wir sollen weniger Nahrungsmittel produzieren.“ Eine Überdüngung durch Stickstoff, Phosphor und Kali sei nicht der Fall, „was reinkommt, wird auch so wieder rausgetragen. Und wir müssen die Nährstoffe dem Boden zuführen, um unsere nächste Kultur zu ernten.“ Monokulturen seien zudem infolge längerfristiger Rübenkontingente und Vertragsbindungen nicht zu befürchten.

Das Misstrauen besonders bei jungen Eltern blieb groß, Problem ist die Verkehrsbelastung. Knapp 10.000 Bewegungen mit 40-Tonnern von und zur Anlage hat der Magistrat errechnet, die sich aus Nord- und Südrichtung und damit zu einem Großteil durch die engen Durchgangsstraßen der Stadt schlängeln. Schon jetzt sei es hier für Kinder gefährlich, die Straßen zu überqueren. Neubürger Leonhard Pos ist sauer: „Ich habe zwei Kinder, muss das Hoftor verriegeln“, seine Anregung: eine Umgehungsstraße. Zudem verursache der Schwerlastverkehr Straßenschäden, die vom Steuerzahler zu tragen seien.

Harsche Kritik erntete Kreislandwirt Herwig Marloff für seinen Vorschlag, den Verkehr über das bestehende Feldwegenetz zu leiten. „Das ist völliger Nonsens“ urteilt Axel Schmidt und zeigt Fotos des bereits schadhaften Feldwegenetzes. „Fahrbahnbreite, 90 Grad Winkel, Gegenverkehr - das funktioniert nicht“, zudem gäbe es keine Querverbindungen zur Anlage. Bürgermeister Bertin Bischofsberger schlug in die gleiche Kerbe: „Dies ist nicht machbar, die Wege sind für eine Dauerbelastung nicht ausgelegt“ und verspricht: „Das wird in der Stellungnahme der Stadt zur Bauleitplanung zum Ausdruck kommen.

„Mir ist ihre Haltung zu passiv“, fordert ein Bürger eine entschiedenere Haltung des Magistrats. Seine Befürchtung: Sobald die Anlage im Regionalplan Südhessen sei, werde das Genehmigungsverfahren im Schweinsgalopp befeuert. Bischofsberger will hingegen zunächst die Gutachten zu Verkehr-, Geruchs- und Bodenbelastung abwarten, er müsse seine Stellungnahmen auf Fakten und nicht auf Vermutungen begründen. Sein erstes Fazit war allerdings eindeutig: „Wir haben die Belastungen, andere haben die Vorteile, also ist die Anlage am völlig falschen Standort. Die soll dahin gebaut werden, wo auch das Gas genutzt und gebraucht wird.“ Auch Grünen-Sprecher Welti positionierte sich: „Das ist eine industrielle Anlage, bei der es nur um Profit für wenige geht.“

Wie geht es nun weiter? Unterstützer trugen sich in Listen ein, um eine Bürgerinitiative zu gründen. Über die Mailadresse biogasanlage.florstadt@gmail.com können sich Interessierte registrieren. Bereits zu den Mai-Sitzungen der Regionalversammlung Südhessen soll so der Bürgerprotest auch überregional zum Ausdruck kommen. Das Thema Biogasanlage steht ebenfalls auf der Agenda der Stadtverordnetenversammlung am kommenden Montag.

Lehnen den Standort der Biogasanlage ab: Andreas, Axel und Katrin Schmidt erläutern ihre Bedenken Foto: hh