Leserbrief Wulf Hein - WZ vom 7.2.2015

Zu: „Neuer Investor für Biogasanlage“, WZ vom 31.01.2015

Florstadt lässt nicht locker, die Biogasanlage soll durchgesetzt werden, um jeden Preis. Den bezahlen aber nicht die Florstädter, sondern wir, die Reichelsheimer Bürger in Dorn-Assenheim, Weckesheim und Heuchelheim. Was hat sich geändert gegenüber den Plänen der Firma Juwi, die im letzten Jahr aufgegeben wurden? Neben 30.000 Tonnen Zuckerrüben sollen nun 20 – 30.000 Tonnen andere Stoffe zu Methan vergoren werden, die Rede ist von Pferdemist. Wer´s glaubt, wird selig – wo stehen denn im Umkreis von 20 km (bei der Juwi waren es noch 5-10 km) 4.000 Pferde? Und was bedeutet die Aussage von Herrn Scheuerecker „keine großen Mengen Hühnertrockenkot“? Nimmt man dann große Mengen Hühnerflüssigkot? Oder wird hier bald 6 m hoher Mais angebaut, damit sich das auch lohnt? Was verbirgt sich hinter „weitere Substrate“? Wo bleiben ca. 50.000 Tonnen Abfall, belastet mit Nitrat und evtl. Krankheitskeimen?

Um es klarzustellen: Ich habe nichts gegen die Energiewende, auch nicht vor meiner Haustür, im Gegenteil, aber bitte im verträglichen Ausmaß. Solange jedoch hierzulande Strom – in diesem Fall dann aus Lebensmitteln! – erzeugt wird, um mit 360 PS-Hybridboliden über die Autobahn zu rasen, oder um in großen Städten die Nacht zum Tag zu machen, obwohl dort gar keiner mehr wohnt, oder damit lebenswichtige Dinge wie Milchschäumer, elektrische Bettgestelle oder 10.000 Watt-Weihnachtsbeleuchtung funktionieren – solange dafür einige wenige Menschen mit dem Verlust an Sicherheit, Eigentum und Lebensqualität zahlen müssen, solange bin ich mit derartigen Plänen nicht einverstanden. Und der Widerstand, der sich bereits 2014 dagegen formiert hatte, hat sich nicht in Luft aufgelöst: Wir befürchten weiterhin eine drastische Zunahme des Schwerlastverkehrs in unseren Dörfern mit ihren engen Durchfahrten, und wir haben Angst um die Sicherheit unserer Kinder! „Die Zuckerrüben werden ohnehin hier auf den Straßen transportiert“ – das ist mehr als frech, denn bisher werden, soweit ich weiß, nicht alle Zuckerrüben aus der Wetterau durch Dorn-Assenheim gekarrt. „Die Anlage bietet Chancen“ – ja, für Investoren, auf Kosten anderer Geld zu verdienen! Zu guter Letzt: Hurra, es entstehen 4 (in Worten VIER!) Arbeitsplätze. Hier leben noch 1000 Menschen, die dann in spätestens 20 Jahren alle weg sind, vier davon können ja im Geisterdorf wohnen und die Gärtanks befüllen, damit in Frankfurt die Neonreklamen nicht ausgehen.



Die Bandkeramiker, erste Bauern, die vor 7.500 Jahren die Wetterau besiedelten, die Römer, die den Limes extra in einer großen Schleife nach Nordosten verlegten, sie alle kamen wegen der extrem fruchtbaren Böden hierher und würden sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn sie mitbekämen, was heute mit der Kornkammer Hessens geplant ist. E.ON lässt grüßen – die alten Schrottreaktoren sind ausgelagert, die Zeche zahlt wohl wie immer der Steuerzahler, nun laden – pseudoökologisch verbrämt – neue Märkte zur hemmungslosen Selbstbedienung ein. Die EU-gebeutelte Zuckerindustrie freut sich, die Wetterauer Bauern, mit ihren Sorgen allein auf weiter Flur, lassen sich vor den Karren spannen, anstatt hier Produkte anzubauen, die der Bodengüte angemessen sind, und wir hier können schon mal drüber nachdenken, wo wir die Reste unserer wertlosen Häuser entsorgen, wenn es heißt: „Gute Nacht, Schloggebach – der letzte macht das Licht aus“ (Das wurde dann aber mit Methanstrom erzeugt – Toll!).

Wulf Hein, Reichelsheim


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