Samstag, 5. Dezember - Mogadishu

Das Interview 

Es ist drei Jahre her. Ein LKW voll mit Sprengstoff ist auf der belebtesten Kreuzung Mogadischus explodiert und hatte im Umkreis von 300 Metern alles vernichtet und zerstört. Der Anschlag war nur etwa 500 Meter von meinem Hotel entfernt.
Ein eher unscheinbares Monument mit der Aufschrift 14. Oktober findet sich mitten auf der Kreuzung einer der meist befahrenen Straßen. Viele Häuser sind wieder aufgebaut worden, andere nicht. Die Zerstörung durch Anschläge in Folge des Bürgerkriegs seit 1991 ist allerdings entlang der Küste offensichtlich. Die damaligen Eigentümer haben Dich bis heute nicht mehr blicken lassen. Auch eine Zwangsenteignung oder Entschädigung gab es nicht und die verrottet die alte italienische Art Deci Bauweise vor sich hin.
 
In 25 Jahren Bürgerkrieg ist dieser Staat fast vollständig zerstört worden. Clanwillkür und Anarchie bestimmen den Alltag. Mogadischu ist eine Trümmerwüste: Kathedrale und Leuchtturm, einst der Stolz der italienischen Kolonialherren, hängen als gespenstische Gerippe am Himmel. Im Schatten der Ruinen sitzen junge Männer mit Kalaschnikow und kauen Qat. Die islamistischen Milizen von Al Shabaab sind seit drei Jahren aus einigen Gebieten zwar vertrieben, doch das Leben will nicht besser werden. Millionen Somalis haben ihre Heimat verlassen.
 
Eigentlich nur Ruinen und zwischendrin der Lido Beach. Ein extrem weißer Sand und ein unglaublich warmer Ozean, schwärme ich noch im Auto. Allerdings habe ich’s nicht so mit dem Baden. Wir kapern ein Boot und fahren auf den offenen Ozean hinaus. Meine bewaffnete Begleitung sah schon aus, als wäre er in der Ehrenabteilung der hiesigen Piraten. Wir bringen sogar einen größeren Kahn zum Halten, aber so ganz verstehe ich nicht, was da so quasi zwischen Tür und Angel an warmen Worten und schweren Gütern ausgetauscht wird. Ist mir auch egal, irgendwann drückt mir der eine Bewaffnete seine Pistole in due Hand, zieht sich aus und geht munter schwimmen. Ich traue mich auch nicht ansatzweise, das Ding zu benutzen. Was auch gar nicht falsch war. Als ich die Pistole zurückgebe, vergewissert sich der wohl gerade seinen Freischwimmer bestandene Herr, ob das Ding noch funktioniert. Zweimal ballert er herum, weshalb das genannte Schiff auch vorbehaltlos stoppte und Kontakt mit uns aufnahm.
 
Andere Urlauber hatte es nicht an diesen schönen Ort gezogen. Und so war ich auch der einzige, der knipste, als Fischer einen riesigen Thunfisch an Land zogen und ihn sogleich zerlegten. Riesige Fische, Haie, Schwertfische, Teufelsrochen und vieles mehr wird hier angekarrt und sofort weiterverarbeitet. Allerdings findet sich hier kein Finning. Das sind Leute, die den Haien auf hoher See die flossen abschneiden und den Hau dann wieder ins Meer werfen, der dann mangels Flossen qualvoll verendet. Davor sehe ich, wie eine Riesenschildkröte durch die blutgetränkten Hallen geschleift wird. Der Panzer nach unten. Diese werden dann zur Raumdeko verwendet. Was mit der Schildkröte selbst passiert, bringe ich nicht in Erfahrung. Alles legal, sagt man mir auf Nachfrage. Legal, sage ich, aber nur nach dem Gesetzt des hiesigen Fischmarkts. Jeder weiß, so sage ich, dass die Bejagung der Tiere, das Einsammeln der Eier, die kommerzielle Nutzung der Schildkrötenpanzer sowie die rücksichtslose Erschließung von Stränden dafür verantwortlich sind, dass die Meeresschildkröten heute vom Aussterben bedroht sind. Mein Lamento nutzt leider wenig, hier macht jeder was er will.
 
Zurück zum Strand. Am Lido, dem Strand von Mogadischu, herrscht Hochbetrieb. Junge Männer und Frauen flanieren durch den Sand oder kühlen sich in dem türkisfarbenen Meer, die Frauen voll und mit Schwimmweste bekleidet. Die Restaurants am Lido werden besonders häufig Ziel von Terroranschlägen der Shabaab-Miliz – gerade wegen ihrer Beliebtheit. Hier sind die Opferzahlen jedes Mal hoch. Und die Terrorgruppe kann sich sicher sein, dass sie die erhoffte Aufmerksamkeit wirklich bekommt. Als Treffpunkt hat James ein Restaurant an dieser Strandpromenade vorgeschlagen, weil in dem bunten Treiben niemand darauf achtet, wer sich hier mit Weißen trifft. Sein Kollege, Hussein, war Jahre lang bei den Islamisten, stieg aus und macht jetzt auf Tourismus. Allerdings fürchtet er dir Rache seiner Waffenbrüder, die ihn als Verräter verfolgen. Deshalb will er seinen wahren Namen nicht öffentlich machen, ich schreibe auch nur einen Absatz. Fotos sind natürlich tabu.

Er erzählt von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeiten.so hat er zum Beispiel mehrfach gesehen, wie die Miliz Frauen als vermeintliche Ehebrecherinnen gesteinigt hat, ohne eindeutige Beweise dafür zu haben. Im Grunde wurde oft einfach nur so getötet. Als ihm das klar geworden ist, ist er ausgestiegen. Auch spricht er von den eigentlich als Copy/Paste der Mafia zu bezeichnenden Methoden von Al Shabbab. Schutzgelder, Auftragsmorde, das volle Programm. Eigentlich müssen gar keine Touristen mehr entführt werden, die Einnahmequellen sind unerschöpflich. Doch auch weiter Ausländer jederzeit das Opfer von Attentaten, Überfällen und Entführungen werden. Selbst die Security wurde Heute gewechselt. So gut hätten wir sie gar nicht bezahlen können, als dass sie anderntags nicht versucht gewesen wären, uns zu verraten und an professionelle Entführer zu verkaufen.
 
Den Abend verbringe ich wieder im Hotel. Die Eindrücke besonders das Gespräch mit Hussein waren doch bewegend. Ich habe viel mehr erfahren, darf es aber nicht schreiben. In den Nachrichten erfahre ich, dass Präsident a.D. in Spe noch schnell die Truppen hier abzieht. Damit das bisschen Stabilität wieder hin ist und die nächste Flüchtlingswelle anrollt. Herzlichen Dank.
 
P.S.: Alkohol ist in Somalia nicht erhältlich, man darf aber welchen mitbringen. Ich betätige mich als Handwerker und bringe den Kühlschrank zum Laufen. So kann ich zum Tagesende wenigstens eine Dose kühles Schmuggelbier genießen.