Donnerstag, 12. März - Mundari


Potatoegate 

Die letzten 36 Stunden verbringe ich bei den Mundari. Ein Stamm, der in erster Linie die gleichnamigen Rinder mit ihren markanten geschwungenen Hörnern züchten. Auf einem riesigen Gelände weiden hier so um die 10000 Cattles, die einigen wenigen Familien gehören. Zwar heißt das ganze hier Cattle Ranch, aber von Rangern sieht man genauso wenig wie von zugehörigen Gebäuden a la Bonanza oder Shilo Ranch.

Um 5 Uhr kräht der Hahn und der erste Skandal ist perfekt. Denn noch lauter als der Hahn kräht der Feldküchenkoch. Irgendjemand muss heute Nacht in seiner Küche, sprich unter dem Baum gewesen sein und hat sich über die Kartoffeln hergemacht. Natürlich ist jeder verdächtig, einheimische wie fremde. Wie dereinst Telly Savalas alias Lieutenant Kojak behelligt er den kompletten Vormittag jeden mit Fragen und regt sich mso mehr auf, wenn seine Befragung ignoriert oder mit einem ironischen Kommentar versehen wird. Zum Beispiel: kann sich ein afrikanischer Koch eigentlich schwarz ärgern? Irgendetwas schwillt in ihm. Ich glaube, es ist der Kamm. Und machen wirs kurz: Potatoegate wird heute nicht mehr aufgeklärt.

Die zwei Stunden bis zum Frühstück sind dann eine Mischung von Selbstverständlichkeiten und blankem Erstaunen. Zu den Selbstverständlichkeiten gehören weidende Rinder, die mit dem Schwanz die Fliegen in die Flucht schlagen, Leute, welche die Kühe melken, Hunde, Schafe und Ziegen. Die Mundari selbst kümmern sich um die Tiere. Soweit, so gut. Man kommt ja schließlich aus der Wetterau.

Jetzt allerdings wird’s spannend. Die Kühe leben sauber, denn sowohl der Kuhfladen wird der Kuh direkt unterm Hintern weggewischt und umgehend kompostiert. Auch der Urin wird, sofern gerade ein Becher verfügbar, in diesen gefüllt und zur Morgenwäsche genutzt. Dabei werden die Rinder mit einer Art roter Asche eingerieben, was den Tag über vor Insekten und die Nacht vor Moskitos schützen soll. Und da letztere sich nicht nur Tiere anzapfen, werden Kind und Kegel gleich mit eingeäschert. 

Dabei lerne ich so einiges. Zum Beispiel was tun, wenn die Kuh keine Milch gibt. Die Lösung: einfach fünf mal kräftig in den Hintern blasen, dann kommt die Milch von alleine aus dem Euter geflossen. Nachahmung war erwünscht, ich verzichtete dankend. Nebenan brüstet sich ein Mundari, gerade eine zweieinhalb Meter lange Schlange gefangen zu haben. Vor Ort wird die Mamba fachgerecht zerlegt und mundgerecht geschnitten. Na denn guten Appetit.  

Übrigens soll der Gallensaft der Schlange die gleiche Wirkung wie Viagra entfalten. Mangels Gelegenheit kann ich selbst dies zwar nicht testen, aber bei den Einheimischen scheint‘s zu fruchten. So zwischen acht und zwölf Kindern springen hier pro Familie um die Rinder herum und auch der Hahn verfolgt die Hennen, als gebe es kein Morgen mehr.  Gejagt werden angeblich auch Affen. Allerdings sehe ich keinen einzigen, vermutlich sind sie alle bereits im Kochtopf gelandet. 

Womit wir auch schon beim Koch wären. Dieser rennt plötzlich wie die vergolten Hennen wild umher und such die Schüssel mit den Kartoffeln. Irgendjemand muss ihm einen Streich gespielt und die Dinger entweder geklaut oder versteckt haben. Da kommen natürlich einige Verdächtige in Betracht. Wie dereinst Lieutenant Kojak, nur in schwarz befragt er jeden, der ihm über den Weg läuft. Doch niemand fühlt sich schuldigt. Man merkt, es schwillt etwas. Und ich glaube, es ist sein Kamm. 

Der Abend kommt und damit auch die Rache für Potatoegate. Mangels Kartoffeln kommt heute überhaupt nichts auf den Teller, unser Koch befindet sich im Generalstreik. Insofern gehe ich einkaufen. Zwar gibt es mitten in der Wildnis keinen Supermarkt oder auch nur einen lokalen Handel, doch wer Hühner hat, so meine treffsichere Spürnase, der hat auch Eier. Also besorge ich dann mal welche. Mit gebackenen Eiern geht so der Tag zu Ende. In Ruhe, sollte man meinen, doch wenig später ein erneuter Urschrei. Die Kartoffeln sind wieder da und liegen ausgerechnet im Zelt des Kochs. Wer die da wohl versteckt hat, oder hat sie unser Kartoffelbocuse dort nur vergessen. Er wird es leider nie erfahren. 

P.S.: Mein Eierverkäufer heißt Bible - wie die Bibel. Wer solch gesegnete Eier zum Beispiel zu Ostern haben möchte, kann diese für rund Fünf Cent pro Hi Term 834. Busch westlich von Juba erwerben. Kartoffeln gibt es aber keine.