Dienstag, 10. März - Torit


König und Chief

Nach vier Tagen im Südsudan Heute zunächst ein paar Infos über das Land. Nach Jahrzehnten kriegerischer Auseinandersetzungen wurde der Südsudan 2011 vom eigentlichen Sudan unabhängig. Der Grund wie immer der gleiche: religiöse Konflikte. Der Norden muslimisch, der Süden christlich. Die Muslime in der Mehrheit, die Christen unterdrückt. Das gibt zwangsläufig Ärger und ab und zu wie am Beispiel Indien zu sehen mit Pakistan oder Bangladesch dann auch einen neuen Staat. Hier entstand also der Südsudan. Noch immer das Land der  jüngste von der UN anerkannte Staat!

Alleine das nützt wenig wenn die je nach Schätzungen 9-10 Millionen Südsudanesen sich in rund 50 Ethnien unterteilen, die sich einander nicht grün sind. Das heißt zunächst, dass kriegerische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung sind, man aber nie weiß wo diese gerade eskalieren. Außerdem werden manche Stammesstreitigkeiten mit Schrotflinte, Pfeil und Bogen oder dem selbstgeschnitzten Speer ausgetragen. Ich bin letztendlich in den Gebieten angelangt, wo der gemeine Tourist noch im Suppentopf landet, wenn es die Situation erfordert.

Bisher war ich bei den Topasa und den Boya. Heute Morgen ging es nochmals den Berg hinauf zu einem weiteren Boya Dorf. Die Dörfer ähneln sich aber heute haben sich die Frauen alle Schick gemacht, um für den Touristen aus dem Abendland einen lokalen Tanz aufzuführen. Eigentlich hüpfen die Girls nur hin und her, während der einzige Mann im Ensemble seinen Speer und sein Leopardenfell zur Schau trägt. Ist bestimmt vom Südsudan-Aldi, denn Leoparden gibt es hier gar keine und der Im- und Export steckt hier auch noch in den Kinderschuhen. Schön war’s trotzdem, wer Lust hat schaut sich das Video hierzu an, wenn ich’s denn mal zusammen geschnitten habe.

Später kommt noch der Chief, also der Häuptling, dem man gleich ansieht, dass er hier der Chef ist. Keine Stammeskleidung, sieht eher wie ein Stadturlauber im Sommer aus. So um die 40 und sicherlich viele Rinder im Stall. Denn auch hier gilt: wer die meisten Kühe besitzt, wird der Chef. Ansonsten ist er eher von der kurz angebundenen Fraktion. Shake Hands und dann nix wie noch ein paar Rundviehcher akquiriert, die Konkurrenz liegt ja bestimmt auf der Lauer. 

Weiter geht es auf der Ost- / Westroute auf einer mittlerweile mondlandschaft-ähnlichen Piste. Zentralafrika ist sicherlich Hardcore, wenn es um die Fortbewegung geht. Aber der Südsudan toppt in Punkto Achsbruch und Reifenschäden glaube ich alles. Und wir befinden uns am Ende der Trockenzeit, während der Regenzeit funktioniert hier überhaupt nichts mehr. Und immerhin ist das die Hauptverbindung von der Hauptstadt in den Osten des Landes, Kenia und Uganda.

Auf halber Strecke zwischen Kapoeta und Torit mache ich einen weiteren Stopp bei den Rutuku. Die hatten nichts besseres zu tun als ihre Hütten unbemerkt von der Zivilisation ins Gebirge ohne jegliche Zufahrtswege zu bauen. Und das heißt: bei 40+ Grad im Schatten krabbele ich die Felswände hoch, um hier den König zu begrüßen. Aber alles der Reihe nach.

Nach einer Stunde sitze ich ausgelaugt in einer Ecke des Dorfplatzes. Die Rutuku sind eigentlich ein Kriegerstamm und der Name bedeutet etwa Die Braunen. Erst dachte ich, es handelt sich um eine AfD Niederlassung, aber ich werde eines Besseren belehrt. Braun soll hier angeblich das Blut im Kampfe sein, was zwar objektiv betrachtet Unsinn ist, aber warum soll sich jetzt Grundsatzdebatten über neue Blutgruppen führen. Wichtiger ist natürlich die Begegnung mit dem hiesigen König.

Der ist hier für alles zuständig: Herrscher über die 9000 Untertanen, Medizinmann - also Arzt und Apotheker in Personalunion. Weiterhin kann er Regen machen, Wunder bewirken und ist zudem noch für Taufen, Heiraten und die Beerdigungen zuständig. Um letzteres muss er sich gerade kümmern, deshalb zieht sich der Termin auch hin. Der König mache sich noch bereit, wird mir gesagt und ich bin gedanklich schon bei einem Outfit afrikanischer Krönungszeremonien mit Gold und Silber und bunten Gewändern.

Die Realität sieht dann doch etwas schockierend anders aus. Der König kommt in einem verlumpten Straßenanzug, was mir eher von illegalen Balkan-Containersiedlungen aus dem Frankfurter Osten geläufig ist. Er ist 76 Jahre alt und seit 24 Jahren das Oberhaupt. Ich hätte es auch geglaubt, wenn er hier seit 76 Jahren der Chef vom Stamm ist. Die sieben Frauen sind dann auch nicht der Renner. Weder von der Anzahl noch von deren Aussehen. Zwar lasse ich mir dann noch das Dorf zeigen, aber in Punkto Hitzeverträgliches Treppensteigen ist mir der Hausherr haushoch überlegen. Irgendwie lethargisch trete ich den Rückweg an. Die Sonne hat gewonnen.

P.S.:  Im Bus kommen wir nochmal auf das Thema Beerdigung zurück. Kommentar: Wenn wir früher gekommen wären, hätten wir noch was von der Zeremonie mitbekommen. Mein Konter saß: wenn Du nicht alle fünf Minuten nach einem Fotostop gerufen hättest, hättest du den Verstorbenen noch persönlich begrüßen können.