Montag, 9. März - Boya


Schwarze Mamba 

Das Camp in Kapoeta spottete nicht nur jeglicher Beschreibung, es befindet sich zudem auch an einem gottverlassenen Ort vor den Toren der Stadt. Alles entschuldbar, wir sind ja schließlich im Südsudan. Unverzeihlich hingegen, das der Schuppen zwar einen Gefrierschrank, aber kein kaltes Bier hat. Die Personal, in Fragen der Organisation ohnehin nicht sonderlich geschult, stellt sich stur und lässt mich mit lauwarmen Wasser sitzen. Und das mitten in Afrika. Dabei sind es locker über 40 Grad im Schatten.

Also selbst ist der Mann und ab durch die Dunkelheit der Stadt zu einer Bar. Ich habe schon einige lokale Kneipen in Afrika gesehen, aber the Bart House Bar toppt alles. Und wer davon noch nicht genug hat, probiert es im Kat-Kat. Dunkle Löcher, aber kaltes Bier. Man spricht zumindest etwas Englisch, aber ansonsten werde ich beäugt wie ein Irokese bei Herrn Hofmann im Bayernstüberl. Einer ruft Albino, Albino, der Rest denkt, hier wäre gerade Mork vom Ork gelandet, Untertasse vor der Haustür inklusive. Die Hälfte der Leute kommt aus Uganda, offenbar lässt es sich hierzulande leichter Geld verdienen. Überhaupt hat sich der Südsudan im Gegensatz zu seinem nördlichen Nachbarn wirtschaftlich berappelt und ist für Leute aus den benachbarten Krisenregionen ein attraktiver Standort. Obwohl das Land selbst weit unten auf dem Wohlstandsindex der UN steht. 

Egal. Das Problem hier ist, dass Männlein und Weiblein alle den gleichen Frisör haben und in den selben Läden shoppen gehen. Kurzum - beide sind nicht zu unterscheiden, zumal die Bars dunkle Löcher und die Leute rabenschwarz sind. Dumm dann nur, wenn man Männlein als Prostituierte hält und mit allerlei fadenscheinigen Gründen zurückweist. Denn wenn Prostituierte gar kein Call Girl ist, sondern ein gewöhnlicher Wichtigtuer, empfindet es dieser als unhöflich und macht Rabatz. Irgendwann habe ich eine ganze Meute um mich herum und keine Ahnung, um was es eigentlich geht. Wenigstens habe ich die Bardame auf meiner Seite, die den pöbelnden Mob mit hochgehobener Schöpfkelle in die Schranken weist. Später weiß ich auch warum, die Dame ist im Ort bekannt. Die Bedienung im Camp nennt sie als ich von der Nacht erzähle - die schwarze Mamba!

In der Kat Kat Bar war Antanzen angesagt, das kannte ich bis dato nur aus dem Fernsehen. Hier versuche ich mich erst gar nicht abzukapseln und mache jeden Tanzscheiss aus dem Urwald mit. Offensichtlich komme ich bei der Dorfjugend an, die sich hier mit ohrenbetäubendem Lärm namens African Progressive House zudröhnt. Doch vom anfeuern verstehen die Jungs genausoviel wie die Südkurve des FC Bayern. Getrunken habe ich bei der Tanzerei nichts, weshalb mich die dortige Bardame namens Nancy noch zu einer Runde verdonnert. Nach Mitternacht gebe ich Fersengeld und muss zu guter letzt noch übers Tor des Camps klettern. Zwischenzeitlich fängt es an zu regnen und so erreiche ich begleitet von Affen und unzähligen bei der Wachhundprüfung durchgefallenen Straßenkötern meine Luxussuite quasi als begossener Pudel. Der Generator ist auch Stunden nicht mehr aktiv, was heißt dass der Ventilator seinen Dienst bereits länger eingestellt hat. Und das bei immer noch locker um die 30 Grad.

Früh morgens ging es zu den Boya, ein Stamm ebenfalls im Osten des Südsudan. Der Ost-West-Highway ist ein einspuriger Feldweg und noch einige Ticks schlechter als der nach Kenia, zumal der nächtliche Dauerregen die Strecke teilweise nur schwer passierbar macht. Doch wir kommen trotz metertiefer Krater entlang der typischen Sträucher- und Weidenlandschaft besser vorwärts als gedacht. Eine zwar halbwegs gemütliche, aber dennoch schlammige Buschtour.

Für die 69 Kilometer zu den Boya Tribes benötigen wir fast 5 Stunden bei nur einer Pause. Ziel ist der Stamm der Larim, die nur unter ihrem Spitznamen bekannt sind. Denn Boya heißt Berg und die Dörfer sind hier alle um den Kimatong angesiedelt. Im Vergleich zu den Topasa trägt man etwas mehr Kleidung, während der Schmuck nicht am Körper, sondern unter der Haut getragen wird. Mit spitzen und Heißen Nägeln werden auf dem ganzen Körper Verzierungen angebracht. Und je detaillierter und markanter für Symbole, desto höher der Rang in der Gesellschaft. Den gesellschaftlichen Status kann man übrigens auch an der Anzahl der Kochtöpfe auf der Spitze der Wohnhütte erkennen. 

Der Rest ist immer derselbe. Alte Menschen sieht man kaum, die Kinder tummeln sich herum, die Frauen machen die Dorfarbeit und von den Männern ist auch um 19 Uhr abends niemand zu sehen. Offensichtlich alle auf der Weide oder der Shisa Bar in der nächsten Stadt. Denn in solch einer Kaschemme bin ich auf der Suche nach kalten Getränken heute auch gelandet. Dem Duft und den Gesichtern der Insassen nach zu urteilen wurde dort offensichtlich auch stärkerer Tobak angeboten.

Irgendwann kommen wir zu einem Dorf im Dorf. Rund fünfzehn Hütten tummeln sich kreisförmig um die Hütte des Häuptlings. Was nichts anderes bedeutet, dass sich der gute Herr um die fünfzehn Frauen leistet. Es sieht alles irgendwie aus wie im kleinen gallischen Dorf, doch weder der örtliche Majestix noch sein Harem sind zu sehen, vermutlich auf Staatsbesuch um Nachbardorf. Eine der Hütten darf ich von innen besichtigen. Auch wenn der Aufbau von außen mit über drei Meter Höhe komfortabel erscheint, würde der keine 60 Zentimeter hohe Eingang jedem Vietkong Kämpfer zur Herausforderung gereichen. Drinnen ist alles verbaut, man fühlt sich wie in einem Hasenkäfig. Aber mit dem Unterschied, dass hier der Hase so groß ist wie der Käfig.

P.S.: Im Camp steht auch eine Wache. Ausrüstung immer mit den magischen drei GGG: Gamsbarthut, Gewehr und Gummistiefel.