Sonntag, 8. März - Kapoeta


Mata Mata 

Im Dorf befinden sich ausschließlich Kinder und Frauen. Überhaupt prägen die Damen das gesellschaftliche Leben innerhalb der Dorfgrenten. Die Männer zieht es morgens  zu ihren Weiden um sich um die Kühe zu kümmern. Meist sind sie Bend wieder da. Die Frauen mahlen Mehl und backen etwas Brot-ähnliches. Mitten auf dem Dorfplatz befindet sich eine markierte Stelle, hier wird eine überall gegenwärtige Frucht verarbeitet, deren Name ich mir trotz mehrmaligem Nachfragen nicht behalten konnte. Ist auch egal, denn es wird mir zuhause eh nichts nützen und dass ich mich hier niederlasse, ist such nicht sonderlich wahrscheinlich. 

Aus der Frucht lässt sich alles machen, was der gemeine Tolosa so tagsüber benötigt. Brot, Zucker und Bier. Leider war auch nicht ansatzweise auszumachen, wo sich der Getränkeverkauf abspielt. Allerdings lässt mich die Erinnerung an das Hirsebier in Kamerun immer noch an die Spucke denken, mir der der Geschmack verfeinert wurde. Möchte nicht wissen, mit welchen „natürlichen“ Zutaten hierzulande gewerkelt wird. Überhaupt sind die Speicher in den Strohhütten gut gefüllt. In wenigen Wochen beginnt die Regenzeit und dann findet das Dorfleben innerhalb der Hüttchen Stadt. 

Der Häuptling lässt sich zunächst nicht blicken, er hat ja schließlich auch die größte Herde zu beaufsichtigen. Überhaupt gilt: je größer die Herde, umso wichtiger und angesehener ist man im Dorf. Und wer die meisten Kühe sein eigen nennen kann, der wird hier der Chef. Also quasi ein Kuhhandel auf südsudanesisch. Doch die Anzahl der Vierbeiner auf der Weide ist auch Zeichen der Attraktivität des Mannes. Sieben Kühe sind gut für eine Frau, d.h. Wer hier 70 Kühe besitzt kann sich mit rund 10 Damen schmücken. Wenn man das mal auf so manchen norddeutschen Großbetrieb und den zugeh Landwirt hochrechnet.  Irgendwann kommt denn der Häuptling. Er hat über 100 Kinder mit 15 Frauen gezeugt. Hier sorgt der Chef eben noch selbst fürs Bevölkerungswachstum. 

Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Denn wenn einer 15 Frauen hat, haben 14 Männer im Dorf eben keine. Diese Ungerechtigkeit wird dadurch geheilt, dass Kühe auf Zeit verliehen werden. Man kann sich dann zunächst selbständig machen und eine eigene Kuh erwirtschaften. Dann steht auch irgendwann die Braut vor der Hütte, sofern noch welche übrig sind. Aber in diese Regionen wird ja ohnehin immer ziemlich früh geheiratet.

Drei Dörfer besuchen wir und immer das gleiche Spektakel mit denselben Darstellern. Mata Mata heißt hier Hallo, guten Tag und so alles, was man zur Begrüßung sagt. Die Frauen rauchen Pfeifchen und die Männer haben einen Plastikkamm aus den 80ern im Haar. Muss mal ein Kammverkäufer eine Kiste der Exemplare vergessen haben oder man hat ihn überfallen. Sollte ich mich vielleicht doch einmal häuslich niederlassen, mache ich einen BH-Laden auf. Die sind hier vollkommen unbekannt, weshalb man sich irgendwie wie im Rotlichtbezirk vorkommt. Wonderbras - buy two, get one free. Ich denke da mal drüber nach.  Wer denkt da schon über Unterwäsche nach in einer Region, wo es keinen Strom, kein Telefon oder auch nur eine Schule gibt. Hier wird alles von Person zu Person und von Generation zu Generation weitergetragen. Also die Geschichten, nicht die BHs. Aber natürlich mit einem Mata Mata vorangestellt.

Der Weg zurück nach Kapoeta führt über die gleiche unwirtliche Piste wie die Anreise. Immerhin ist das der Highway nach Kenia, den vereinzelt sogar auch Pkws von dort nutzen, Lkws und Güterverkehr allerdings Fehlanzeige. 

Kapoeta ist ein Provinznest, doch immerhin ist heute Markttag. Das Angebot reicht von Haushaltswaren bis Kleidung und .... dann eigentlich nichts mehr. Souvenirs gibt es mangels Touristen nicht. Was auffällt sind zwei Läden mit einer weißen Flagge, die sich bei genauerem Hinsehen als Mehlsäcke entpuppen. Hier gibt es Alkohol. Wer allerdings an ein kühles Blondes denkt wird schnell eines besseren belehrt. Hinter dem Tresen steht eine Lady und schöpft aus einem 50 Liter Fass eine braune Plörre namens Sorgho. Etwas, was die hier anwesenden aus ein-Liter-Gefäßen schlürfen. Es ist heiss, dunkel und stickig als mir die Schale mit dem undefinierbaren Zeugs angeboten wird. Und es sollte mir noch heißer, dunkler und stickiger werden, als ich die Schaler unter Anfeuerungsrufen der versammelten Alkoholiker von Kapoeta geleert hatte. Ich Türme durch den Hinterausgang und traue meinen Augen nicht. Dort wird der Schnaps gebrannt. Eine Lady rührt eine dickflüssige Masse an, die nach Zement gepaart mit Hundekot aussieht und auch so riecht. Wenn ich das wirklich jetzt getrunken habe, dann ist mir jetzt richtig schlecht. Die Bestätigung dessen durch die Bedienung führt mich nur noch zu einem Ziel: nämlich ins Bett!

P.S.: Warum sieht man im Südsudan eigentlich nur Frauen, die ihr Pfeifchen rauchen? Antwort:  dann runzelt die Haut langsamer. Gegenfrage: und was ist mit den Männers. Antwort: da runzelt nichts!