Samstag, 7. März - Toposa


Der UN-Halter 

Wer den Flughafen in Juba etwas unterzuckert findet, der war noch nicht im Charter Bereich. Ziel  heute ist das westliche Kapoeta, das angeblich nur per Flieger zu erreichen ist. Und mit dem Fliegen ist das hier so wie mit einem zentralasiatischen Sammeltaxi. Los geht’s erst wenn die Hütte voll ist. Der Platz gleicht einem Sammelsurium an Containern mit unzähligen Travel Agencies. Ein riesiges Gewusel, aber so richtig geht eigentlich nichts vorwärts. 

Rund eine Stunde sitze ich in der prallen Vormittagshitze und beobachte Leute. Durch die staubigen Böden tapsen Damen in High Heels genauso wie Leute, die überdimensionale Mehlsäcke schleppen. Ab und zu steigt auch eine kleine Maschine gen Himmel, meist sind es UN oder Rot Kreuz Flieger. Von meinem Flieger ist weit und breit nichts zu sehen. Irgendwie sieht alles wie Busbahnhof nur ohne Busse aus.Um 9 Uhr sollte es los gehen, jetzt um 10 ist von einem Flugzeug nicht ansatzweise etwas zu sehen.

Irgendwann erhalten wir dann auch die freudige Botschaft, das heute nicht gechartert wird, zu wenig Passagiere. Aber das ist kein Problem, wir sind ja schließlich in Afrika. Ein Wagen fährt uns unter Umgehung aller Sicherheits- und sonstiger Checks direkt auf die Landebahn des regulären Flugplatzes. Denn im hinteren Bereich stehen die Gerätschaften von UN und World Food Programme. Wir sollen doch einfach fragen, ob noch irgendwo Platz ist. Nun stehen hier viele Maschinen, aber außer Bediensteten, die alle Flieger blitzeblank schrubben und welche, die mit Kirmesschraubenziehern an den Motoren werkeln. Für Leute mit Flugangst sicherlich kein guter Start. 

Nun bin ich zum Glück nicht für die Logistik zuständig und mache es mir auf der Landebahn gemütlich. Gut - gemütlich ist jetzt auch nicht der richtige Ausdruck. Denn irgendwann überschüttet mich ein Flieger im Vorbeifahren kistenweise mit Staub. Egal, wir sollten Glück haben, nach weitern 45 Minuten ist der Transport in einer der WFP Maschinen (World Food Programme der UN gesichert. Ich bin jetzt quasi kein AN-Halter sondern ein UN-Halter.

Und dort bin ich nicht der einzige Zivilist. Einer hat seine herzergreifend miauende Katze dabei, zwischen den Sitzen macht es Kikeriki und ein anderer ist mit Hund auf Reisen. Der ist wenigstens introvertiert und macht sich trotz Katze nicht bemerkbar. Es stinkt bestialisch nach Sprit in der gefühlt hundert Jahre alten Maschine und der Pilot spricht fließend russisch, aber dafür nur ein paar Brocken englisch. Es ist ein sehr altes Flugzeug, sagt mein Nachbar, das hat den Vorteil, dass es auch lange nicht abgestürzt ist. Dann bin ich ja beruhigt. Oder wie es bei Urmel aus dem Ei hieß: Heja Safari! Oder hier: That‘s Africa!

Der Flug verlief angenehm, bis auf die CO2-sparenden Propellerausfälle. Der südliche Südsudan ist grün und von wenigen Gebirgen durchzogen. Lediglich der Landeanflug hätte jedem Bruchpiloten zur Ehre gereicht. Am Flugplatz von Kapoeta hat sich derweil ein Empfangskommittee gebildet, welches von einem Wärter mit einem Stock vertrieben wurde. Der Stockinhaber scheint ohnehin der einzige Offizielle zu sein. Denn außer der Buckelpiste besteht der Flugplatz aus - genau - nichts. Man kommt sich vor wie ein Inhaber der Lufthansa Hon Circle Card - man verlässt das Flugzeug und setzt sich direkt in das daneben stehende Fahrzeug. 

Es folgen die Formalitäten, die hier unendlich Zeit in Anspruch nehmen. Also teste ich derweil die örtliche Gastronomie. Denn die afrikanische Zeitrechnung habe ich schon lange intus. Fünf Minuten sind eine Stunde, eine Stunde ist ein Tag und am Abend bedeutend heute überhaupt nicht mehr und morgen vielleicht. 

Der Nachmittag ist den Topasa vorbehalten, einem Stamm im Osten Südsudans. Die Leute leben hier wie in einer Zeitkapsel seit Jahrhunderten gefangen. Archaische Zustände, doch die Kommunikation klappt. Kaum ist das Zelt aufgeschlagen, haben sich rund 150 Leute, meist Kinder um das Camp versammelt. Männlein und Weiblein sind von der Frisur her wenig zu unterscheiden, man nutzt hier offensichtlich nur einen Frisör. Da die Damen allerdings durchweg im oben ohne Outfit unterwegs sind, ist die Unterscheidung auf den zweiten Blick doch noch machbar. Ich denke, mehr dazu morgen. Nach dem Besuch zweier Dörfer hat sich die Sonne auch verabschiedet und ich hatte dem Abend in einsamer Wildnis entgegen.

P.S.: Auf Al Jazeera läuft ein Song rund um die Uhr. Waldorf und Statler aus der Muppetshow als Donald Trump und dem indischen MP Modi. Text: Aaja, aaja - that is Nari and that is Don. Aaja, Aaja - singing now the Strongman song. Fehlt nur noch Kermit der Frosch alias Claudia Roth.