Sonntag, 24.11. - Basra / Doha (Katar)


Das große Finale

Basra brennt, oder besser gesagt qualmt. Und zwar in und an allen Ecken. Die Proteste, die üblicherweise Freitags und Samstags, dem muslimischen Wochenende, eskalieren, haben seit vier Uhr morgens eine neue Dimension erreicht. Eigentlich habe ich im Vergleich zum Libanon bisher eher weniger mitbekommen und auch in Basra verliefen die eineinhalb Tage eher unauffällig. Das Leben ging seinen gewohnten Gang.

Punkt fünf Uhr mache ich mich auf den Weg zum Flughafen. Es ist stockfinster und im Bus wird eher so dahin gedöst. Zu sehen gibt es eh nicht allzuviel. Aufmerksam werde ich erst, als wir irgendwann in einer vollkommen durchgefluteten Gegend landen. Nach Ausfallstraße zum Flughafen sah es jedenfalls nicht aus. Doch der Grund des Herumirrens wird schnell klar. Menschenmengen haben sich schon in der Nacht versammelt und Straßenblockaden errichtet. Brennende Autos und Reifen überall. Der Fahrer versucht schlichtweg einen Weg oder Umweg zum Flughafen zu finden. 

Doch die Rechnung haben wir ohne den Wirt, sprich die Protestierenden gemacht. Nicht nur die Ausfallstrassen rund um Basra sind unpassierbar, auch der Hafen und der Flughafen sind von der Außenwelt angeschnitten. Selbst die Nebenstraßen sind betroffen. Manche Autos versuchen die brennenden Barrikaden zu durchqueren, scheitern aber kläglich. Auch wir wagen das Experiment mit gerade noch abgewendeten Folgen.  

Denn während die Demonstranten die Fahrer mit Stöcken und Fackeln an der Weiterfahrt hindern, kommt bei uns noch ein weiteres Problem hinzu. Wir sind Ausländer und damit nicht gerade gern gesehen. Auch wenn ich nichts bemerke und auch keine unmittelbare Gefahr beobachte, wie unser Fahrer deutlich. Nichts wie weg, Vorhänge schließen. Eine der der Demonstranten hatte wohl zu Gewalt gegen die im Bus sitzenden Ausländer, also uns aufgerufen. Kann sein, muss aber nicht. Unser Fahrer neigte schon die Woche über zu erhöhter Vorsicht und hat mich mehrmals mit dem Lasso eingefangen. Oder es versucht.

Es ist mittlerweile 8 Uhr, wir irren seit rund drei Stunden in der Stadt herum. Im hellen sieht man das brennende Ausmaß noch mehr als im Dunklen. Die ganze Stadt ist von Rauch umgeben, ein richtiger Gürtel aus Qualm hat sich gebildet. Selbst inszeniertes Morgengrauen quasi. Der Versuch, eine Umleitung zum Flughafen zu finden, führt durch die abgelegensten Viertel. Lehmhütten, Hochburgen der Islamisten, Kloaken und Müllhalden an jeder Ecke. Hier wird aber auch verständlich, warum das Land in Aufruhr ist. Armut, Perspektivlosigkeit im durch Öl eigentlich reichen Irak. Und - ums nicht zu vergessen: übers Handy erfahre ich, dass mein Flieger pünktlich um 8.04 Uhr gestartet ist. Vermutlich leer, denn außer mir dürfte sich auch sonst niemand zum Flughafen durchgeschlagen haben. Hat das Kabinenpersonal auch einen entspannten Heimflug. 

Jetzt komme ich ins Spiel. Der Flug ist weg, die Turkish fliegt auch heute nicht mehr raus. Alternativen Fehlanzeige. Also nichts wie nach Kuwait und dort einen Flug wohin auch immer ergattern. Aber irgendwie zurück nach Frankfurt. Kuwait ist nur 50 Kilometer von Basra entfernt und bei der Einreise ist kein Visum erforderlich. Zwar ist auch mir klar, dass der Highway blockiert ist, aber es gibt ja noch Landes- und Kreisstraßen oder Feldwege. Also nichts wie los. Während wir zunächst relativ gut vorankommen, urplötzlich die personifizierte Perplexität in meinem Gesicht. Dass die Straße abrupt aufhört - geschenkt. Gibt’s in Deutschland auch. Doch hier fährt die Straße weiter, nur nicht als Straße. Sondern durch die Sümpfe oder wie es hier heißt, das Marschland. Autos bewegen sich vorsichtig durch die nicht erkennbaren Pfade wie jemand, der über den See wandelt und nicht ansatzweise weiß, wo die Steine liegen. 

Nach der gescheiterten Flucht über Kuwait schenke ich mir hier den Rest. Über Stock und Stein und brennende Barrikaden geht’s zurück zum Hotel. Erstmal frühstücken, das war ja schließlich auch bezahlt. Ankunft 11.30 Uhr, sechseinhalb Stunden nach der Abfahrt. Zeit hatte ich ja genug.

Gegen 14 Uhr klärt sich die Situation auf den Straßen. Wir wagen das Experiment Flughafen 2.0 und ergattern schließlich einen Flug nach Frankfurt über Doha, der Hauptstadt von Katar. Bei über 8 Stunden Umsteigezeit eine ideale Gelegenheit zu einem Trip in die Innenstadt. Im Zuge der anstehenden Fußball WM wird hier kräftig investiert. Eine futuristische Skyline, eine U-Bahn mit nicht funktionierenden Flughafenanschluss und ein überschaubares, aber nettes Basarviertel. Und so endet der Nahost-Blog unerwartet auf einer Flaniermeile im Märchen von 1001er Nacht. Und Aladins Wunderlampe, sprich Qatar Airways sorgte dann für einen komplett verschlafenen aber pünktlichen Flug.