Samstag, 17. November - Morondava

Reggae-Fieber

Der gestrige Tag endete heute um exakt 6.01 Uhr in der Frühe. Absolut passend, denn ab 6 Uhr wird hier Frühstück serviert. In Madagaskar gehen die Uhren anders, hier fängt der frühe Vogel noch den Wurm. Währen es in Westafrika schon manchmal schwierig ist, vor 9 Uhr etwas vernünftiges auf den Tisch zu bekommen, wird hier auf der Insel um diese Zeit bereits für die Mittagsgäste gedeckt.

Der gestrige Kneipenbummel hatte eigentlich zwei Funktionen. Einmal natürlich bummeln und dann aber auch das Scouting für das groß angekündigte Wir lagen vor Madagaskar-Video. Zudem geben die verschiedenen Locations eine gute Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen. Leider aber auch einen Einblick auf die dunkle Seite der Medaille.

Und damit beginnen wir am besten. Ich habe bereits in vielen Städten Plakate gesehen, die gegen die Kinderprostitution Front machen. Offensichtlich ein großes Problem hier, zumal in Morondava wie an jeder Touristenattraktion mit angeschlossenem Strandleben sich doch ein paar Touristen tummeln. Offensichtlich wird das Land zudem besonders von Franzosen und Italienern aktiv als Ziel des Sextourismus genutzt. 

Bereits in einem landesüblichen Restaurant sieht man ältere Herrschaften der Generation Ü60 mit Jugendlichen Mädels teils deutlich unter 18. Im Restaurant zusammen essen, woanders wird dann den bekannten Aktivitäten nachgegangen. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Herren mit überwiegend verspießertem Look zuhause den Moralapostel abgeben. Ansonsten - und das habe ich auch jedem Wirt zu verstehen gegeben - ist das nur eins: zum Kotzen und nebenbei auch hierzulande strafbar. Geächtet und geduldet zugleich, auch so eine Doppelmoral.

In der Blauen Welle, einer Strandbar treffe ich Claude, er ist hier Koch und verdient für den 11 Stunden Tagesjob 50 Euro - und zwar im Monat. Selbst nach Kaufkraft nicht mehr als 200 Euro Warenwert. Gemeinsam mit seiner Frau hat er fünf Kinder, die von diesem Geld ernährt werden müssen. Als Anhänger der Naturreligionen ist es ihm sogar noch erlaubt, weitere Frauen zu heiraten. Warum er das nicht tut, frage ich. Seine scherzhafte Antwort: Bleiben ja für die anderen keine mehr übrig.

Schräg gegenüber eines dieser dunklen Löcher, wo vor allem einheimische Tagelöhner eben diesen Lohn gleich verflüssigen. Das einzige was hier funktioniert ist die Kühltruhe mit ihrem schier unendlichen Vorrat an eiskaltem THB.  Für die Zecher hier aber neben dem in Strömen fließenden Rum die einzige Möglichkeit an eine saubere Flüssigkeit zu kommen. Nur rund 18 Prozent der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Der Rest trinkt, wäscht oder kocht in stinkenden Kloaken. Stinken tut es auch allerdings hier. Der Ventilator quirlt den nicht vorhandenen Sauerstoff lediglich um und das Publikum hat den ganzen Tag entweder im Dreck herumgelungert oder darin geschuftet. 

Gemütlicher ist es in der Haifischbar. Wie in Hamburg wird hier direkt an der Küste dem lockeren Leben gefrönt. Die Wirtin, eine zwei Zentner Matrone wird nicht müde, ihren Rum anzupreisen. Von 40-60 Prozent hat sie alles verfügbar. Meine Wahl fällt auf einen 42 Prozentigen Weißen, der mir Schuhe und Strümpfe auszieht. Nich wegen des Alkohols, sondern der Menge. Für Tante Erna von der hiesigen Waterkant ist es nämlich selbstverständlich, die Limogäser-große Mischung auf einen Zug auszutrinken.

Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr höre ich noch laute Reggae Musik. Schon beim Eintreten spüre ich den unvergleichlichen Geruch von Jamaika. Und zwar in Form gerauchter Pfeifchen. Hinter der Theke steht Bob Marley persönlich: Rasta-Zöpfe bis zu den Knien, Pfeife im Mund und eiskaltes Bier im Kühlschrank. Die authentische Karibikatmosphäre wird lediglich durch ein grünes Schaumstoff-Ampelmännchen in der Ostversion unterbrochen. Kollege Bob war nähmlich schon mal in Berlin. Studieren, wie er sagt oder Koks besorgen. Oder vermutlich beides.

Zu vorgerückter Stunde sammelt er vier Jungs ums sich herum und greift selbst zum Mikrofon. Eine wirklich unvergessliche Performance der Truppe beamt alle Anwesenden ohne Umweg in die Karibik: Backpacker, Prostituierte, zwielichtige Gestalten und ... mich.

P.S.: Auch das Scouting war erfolgreich, doch darüber morgen. Madagaskar suchte den Superstar und hat so manchen gefunden.