Dienstag, 13. November - Belo

Papa Papa

Belo ist ein staubiges Nest mit einer Moschee, zwei Kirchen und der Rest der Religion spielt sich zu Hause ab. Das heißt: 80 Prozent der Leute hier verehren Naturreligionen und fallen nicht auf. Die beiden Kirchen bimmeln ab und zu für 15 Prozent der Gläubigen, doch den größten Krach macht hier der Muezzin für eine Hand voll Muslime. 

Um Punkt vier Uhr beginnt ein ohrenbetäubender Lärm, der selbst dem benachbarten Gockel, der eigentlich ab halb 5 seinen Auftritt hat, Respekt einflößt. Ich dachte immer, dass für den ersten Ruf des Muezzin der Sonnenaufgang in Mekka maßgeblich sei, aber das scheint der Kollege hier geflissentlich zu ignorieren. Meine Wette, dass der Hahn hier eher als der Muezzin kräht, hatte ich somit allerdings verloren.

Das ganze war umso schmerzlicher, da ich erst kurz vorher ins Hotel kam und das Thema Schlaf sofort wieder von der Agenda gestrichen wurde. Belo ist wie eingangs erwähnt, ein staubiges, aber freundliches Nest mit einem ausgeprägten Nachtleben. Hinter dem Hotel reiht sich eine Kaschemme nach der anderen. Entweder als Karaoke Club oder als Bier- und Rum-Bar. 

Stopp Nr. 1 war eine Bar mit riesiger Discokugel und einem Berg voller selbstgebrannter CDs, die unbedingt an diesem Abend noch in voller Lautstärke durch die Lautsprecher gejagt werden mussten. Dahinter ist die eigentliche Kneipe, welche die Discobesucher und die Verwandtschaft des Besitzers mit ausreichend Alkohol versorgt. Im Angebot sind die üblichen THB-Pullen und verschiedene Varianten des örtlich gebrannten Rums. 

Hinter der Theke steht eine Arbeitskraft, daneben die Chefin, die jedesmal auf den Barhocker steigen muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Sie ist auch weitgehend mit madagassisch kreativer Buchhaltung als dem Bedienen der Gäste beschäftigt. Und über allem thront die kleine Tochter, indem sie mit einem Filzstift die Buchhaltung um noch kreativere Ergänzungen bereichert. Offensichtlich fehlte in der steuerlichen Beurteilung noch ein entscheidender Abschreibungsposten. Denn wie könnte es anders sein, dass die höchstens vierjährige nach einer Stunde Thekendienst vor meiner Nase sich wie von der Tarantel gestochen mir zuwendet und lauthals Papa, Papa ruft.

Die Alimente schon ausrechnend beobachte ich die ebenso versammelte Verwandtschaft, wie diese mich kritisch unter die Lupe nimmt. Und da gegen Schock jeglicher Art auch hierzulande ein großes THB helfen soll, proste ich meinen künftigen Verwandten zu und mache mich vor Verhandlungen über die Mitgift von Acker. Direkt in die nächste Bretterbude, die hier unter dem Namen Dorfkrug firmiert.

Nach einem morgendlichen Spaziergang in Belo im ging es weiter nach Bekopa. Das ist das Tor zu den berühmten Felsformationen Madagaskars, den Tsingy. Die Strecke ist eine Buckelpiste ohne jeglichen Asphalt und hat dann auch den Rest des Tages in Anspruch genommen.

Das einzige Highlight: eine Fähre, oder ein Fährunikum. Man stelle sich viele nebeneinander gereihte und sehr lange Blechtonnen vor, die die längliche Form eines Kanus haben. Oben drauf befinden sich Holzplanken. Fertig. Also doch eher ein Floß.
Die einzigen Sicherungen: Steine, die man unter die Räder packte. Spätestens hier hätte der normale Deutsche mit seiner Liebe zum eigenen Auto wohl die Rückfahrt angetreten.

P.S.: Nach der Ankunft im Hotel ein Gewitter vom Feinsten. Nach dem Gewitter aus dem Nichts eine Invasion Zehntausender von Motten. Zehn Minuten später liegen alle tot am Boden und werden Eimer für Eimer zusammengekehrt. Kollektiver Mottenselbstmord? Haben hier doch womöglich nicht die alten Klamotten desinfiziert?