Montag, 12. November - Tsiribihina 

Holgers Hofladen

Die Latanaka ist ein bunter, für westliche Augen etwas räudig wirkender Kahn. 12 Meter lang, mit Dach, Tisch und Sitzbank sowie einem kleinen Oberdeck mit tollen Sonnenliegen. Die Entourage für den Trip besteht aus sieben Leuten: Zwei Köchinnen, ein Skipper und drei Bootsjungen. Käpt’n Blaubär, der heute in lässigem T-Shirt seine Aufwartung macht natürlich auch. 

Der Tag ist dem gestrigen nicht ganz unähnlich, wer hätt’s gedacht. Schauen, staunen, dösen und trinken. Landschaft und Lemuren, Schildkröten, Fledermäusen und Krokodile. Nö, letztere leider nicht. War immer nur ein Stein, oder so. Die Schiffsbesatzung ist jedes Mal ganz aus dem Häuschen, wenn möglicherweise eines dieser grünen Langmäuler gesichtet wurde. 

Das ganze ist vor allem aus einem Grund kritisch: Immer dann, wenn die Madagaskar-Yacht auf Grund gelaufen ist. Alle Mann über Bord und schieben. Der Fluß ist zwar stellenweise bis zu 200m breit aber in dieser Jahreszeit eben auch extrem flach. So ist die lustige Bootsfahrt für den Skipper ein echter Streßtest. Er muß permanent auf der Hut sein und im Zickzack schippern, um die notwendige Handbreit Wasser unterm Kiel gewährleisten zu können.

Gestern hatte ich den einzigen außerschifflichen Höhepunkt fast vergessen: Douche Naturelle. Ein Wasserfall, der von allen Bootsjüngern zum Duschen genutzt wird. Ganz in der Nähe des Flußufers. Das Problem dabei war nicht der Weg zum Wasserfall, sondern dass wir diesen Weg nach dem Genuss von 5 Flaschen a 0,65 Liter antreten und quasi über Stock und Stein balancieren mussten. Unter dem Fall war es zudem dermaßen glitschig, dass ich mich mehr auf dem Allerwertesten wiederfand als mir lieb war.

Nachts hatten ich wie schon in Mali mein Zelt auf einer Sandbank aufgeschlagen. Die Bootscrew zünden Feuer an und kochte, was die Küche hergibt. Es ist schon beeindruckend, Was die beiden Köchinnen  in ihrer abenteuerlich kleinen Kombüse hervorzaubern. Am Mittag beispielsweise eine Platte mit aus Gemüse geschnitzten Baobabs und Pinassen.  Gegessen wird allerdings nach Rangordnung. Zuerst die zahlenden Gäste, dann der Käpt’n und der Skipper mit Zweitköchin. Wohl seine Frau. Zu guter Letzt die Bootsjungen. Für Afrika ein normales Schauspiel, für mich eigentlich nur befremdlich. 

Dann wird verdaut und bei THB in den Himmel geträumt. Die Sterne funkeln verführerisch und die Besatzung zeigt bis dato nicht gekannte Qualitäten. Gesang und Tanz mit einem Hauch von König der Löwen und der Serengeti. Ostafrikanische Rhythmen und dazu zählen wir Madagaskar jetzt einmal, sind doch ganz etwas anderes als Eingeborenentänze im Nordkamerun nach dem Genuss von literweise Hirsebier.

Ähnliche Eindrücke brachte ein Dorfbesuch am gegenüber liegenden Ufer. Die kleinen Jungs gehen hier mit der Krokotasche spazieren, allerdings einer lebendigen, wobei gerade mal zwei Kordel als Leine dienen. Und während die kleinen das Tier wie ihr Schoßhündchen ausführen, bleibe ich doch in einiger Entfernung vor dem etwas unscheinbar dreinblickenden Alligator.

Wer auf der Insel geboren ist, wäscht sich im Fluß. Touris mit Traute tun dies auch. Wir haben jede Menge davon. Ja, angeben sei mal bitte erlaubt. Was soll denn die ganze Angst von wegen der Keime und Bakterien. Während der gesamten Fahrt wird z.B. unser Geschirr im Fluß gewaschen. Das Wasser für Tee und Kaffee stammt mit Sicherheit auch aus dieser Quelle. Das Dorfleben aller Menschen am Fluß ist auf dieses Wasser ausgerichtet. Also was soll's. Geschadet hat es nicht. Wir waren aber auch die einzigen Angeber aus fernen Landen

Nach dem Besuch von Markt und örtlicher Tabakfabrik werde ich selbst zum Unternehmer und gründe Holgers Hofladen mit Wasser, Bier und Früchten im Angebot. Der Besitzer war gerade in bester Verleihnix-Manier Fische fangen, also half ich aus und war mir der Blicke von Klein und Groß inklusive anwesender Lemuren und dem Dorf-Kroko sicher.

P.S.: In der stickig schummrigen Tabakfabrik kratzt ein Angestellter die letzte Firmenfarbe zusammen, um mit Glimmstängel im Mund auf die Wand zu pinseln: „Rauchen verboten!“