Sonntag, 11. November - Tsiribihina 

Trink das Haus vom Nikolaus

Unser Feldlazarett ist der Ausgangspunkt für Flußfahrten auf dem Tsiribihina. Eine solche Tour ist für sportliche zwei Tage gebucht. Üblicherweise sind hierfür drei Tage veranschlagt, aber die Flussfahrt im Februar auf dem Niger zeigte doch, dass auch das schönste Ambiente irgendwann nur noch monoton wirkt. Und zwei Tage mit einer Zeltübernachtung auf einer Sandbank sollten eigentlich ausreichend sein.

Allerdings muss ich unruhig feststellen, daß sich die Bootsanlegestelle im ca. 45km entfernten Dorf Masekampy befindet. Es ist November und die Flüsse haben kaum Wasser. Auch das erinnert alles an Mali, wo wir die Hälfte der Bootsfahrt im Flussbett gestanden und das Boot geschoben hatten. So variiert auch die Entfernung zum Hafen. Mal erreicht man ihn ganz einfach zu Fuß und mal... Tja, das war jetzt das Problem, überhaupt nicht. Jedenfalls nicht als Backpacker mit 17 Kilo Gewicht auf dem Rücken. Was tun?

 Ein Hilfegesuch beim gelangweilten Hotelpersonal bringt einen ersten Rettungsschirm: Für rund 50 Euro will man sich Erbarmen, mit einem Privatwagen die einstündige Strecke zurückzulegen. Ganz klar, die haben BWL studiert und den Preis anhand der Notlage von meiner Nasenspitze abgelesen. Taxen gibt es nicht, das schnellste öffentliche Verkehrsmittel ist auch hier die Fahrradrikscha. Alternativ auch noch ein Charret verfügbar, das ist ein Wagen, der von zwei Zebus gezogen wird. Doch bei aller Liebe, zu teuer bleibt zu teuer, jetzt gilt es verhandeln.

Also dösen wir verdrossen auf der Terrasse herum, trinken Unmengen von Glasflaschen aus und warten auf ein Wunder. Das dann in der Tat irgendwann in Form eines schicken 4x4 mit Chauffeur auf der Bildfläche erscheint. Ein weiterer Gast Marke Bud Spencer will offensichtlich ebenfalls zu einer Flussfahrt aufbrechen. Bud Spencer spricht allerdings kaum englisch und noch weniger französisch, sei aber bereit, Schiffbrüchige mitzunehmen. Sofern auch der Fahrer bereit sei. Also zum Fahrer, man muss sich nur durch die hiesige Hierarchie zu wühlen wissen. Ein gutes Bier später ist die Sache geritzt, Halleluja. Hat der Gottesdienstbesuch am Abend doch noch was genützt. Also Blutdrucksenken und Weitertrinken. Rum hatte ich aus Antrisabe ja auch noch in Mengen vorrätig.

Da es in den Zimmern glühend heiß ist, geht es auch schon früh morgens um 5 Uhr los, Bud Spencer hat Wort gehalten. Nach etwas über einer Stunde kommen wir tatsächlich irgendwo im nirgendwo an. Der Fluss trägt in der Tat kaum Wasser und so wird die erste Stunde in einem Einbaum zurückgelegt. Von Komfort zwar keine Spur aber man kann die Strecke schön entlang paddeln und in der Hoffnung rudern, dass das nächste vorbeischwimmende Krokodil doch bitte nicht allzuviel Hunger hat. Denn im Gegensatz zum Niger führt der Tsiribihina zwar wenig Wasser, aber dafür umso mehr Krokos.

Die Fahrt verläuft allerdings unspektakulär. Zwar ist alles Nase lang eine Sandbank im Weg, doch die Crew mit Käpt’n Blaubär an der Spitze hat die Lage im Griff. Alle packen an, nur Käpt’n Blaubär steht mit seiner Dienstmütze im Gang und macht keinen Finger krumm. Die erwartete Monotonie am Ufer lässt auch nicht lange auf sich warten und wird höchstens von schwimmenden, planschenden, waschenden und fischenden Bewohnern kurz unterbrochen. Winke, winke und schon geht es weiter. 

Und so kam es wie es kommen musste, bereits um 10.35 Uhr steht die erste eisgekühlte Zweidrittel-Pulle THB für einen ausgedehnten Frühschoppen auf dem Tisch. Einer der Crew trinkt kräftig mit und erhält hierfür eine Abmahnung von Käpt’n Blaubär. Nicht das ihn das groß interessiert hätte, Gilbert ist Anfang 30, hat schon ein Haus gebaut und möchte Reiseführer werden. Und als solcher hat man sich natürlich an den Interessen der Gäste zu orientieren. Und diese wollen definitiv nur eins: Unser täglich Bier gib uns heute. Die Strichliste erfolgte übrigens analog von „Das ist das Haus vom Nikolaus. Macht 8 Bier pro Haus, am Abend war ein ganzes Nikolausdorf entstanden.

P.S.: Die Köchin an Bord fühlt sich definitiv intellektuell unterfordert. Nach dem Abwasch erscheint die ohne Schürze und trällert Lieder von Volk und Heimat. Floriane Silbereisen auf madegassisch.