Samstag, 10. November - Miandrivazo 

Greetings from Germany

Komme gerade von der Vorabendmesse in Mirziza...frag mich was. Hier läuft in einer komplett überfüllten Kirche der Pfingstadventisten vier Stunden lang lustige Musikanten mit Psalmeinlagen. Irgendwann wird sogar ein Theaterstück aufgeführt, wo sich die Leute krumm lachen, ich aber kein Wort verstehe. Zumindest erfahre ich, dass bei jedem Streit die Frau immer recht hat. Sehr merkwürdig. Ansonsten singt entweder ne Combo wie zu besten Harlem Gospel-Zeiten, oder es treten zwei lustige Musikanten mit religiösen Liedern, die aber von der Melodie her auch Florian Silbereisen zur Ehre gereichten auf die Bühne.

Als nicht Gemeindemitglied werde ich natürlich beobachtet und es dauert auch nicht lange, bis das Bühnenpersonal der Auffassung ist, jeden neuen Kirchenbesucher gleich zur Begrüßung in der Gemeinde auf die Bühne zu zerren. Ich hatte ja nichts verstanden, aber dass die was von mir wollten, war offensichtlich. Nun ja, man kennt ja so seine Bühnenauftritte und so mache ich das Spiel mit. Vor rund 400 Leuten und ich denke mal, die haben gemerkt, dass ich weder Französisch noch die lokale Sprache beherrsche, raffe ich mich an Mikrofon zu einem Greetings from Germany und den besten Wünschen für die Zukunft der Gemeinde auf. Die Leute klatschen, vielleicht haben sie den Sinn verstanden. Oder auch nicht, denn sie klatschen eigentlich über alles. 

Ich bin dann wirklich vom Acker und habe in einer lokalen Bar noch das eine oder andere Bier getrunken. Typisch afrikanisch: ein dunkler Raum, die Leute farblich auch nicht im Kontrast, eine Kühltruhe mit eiskaltem Bier und ich - farblich sicherlich ein Kontrast. Und die 0,65 Liter Flasche für unschlagbare 75 Cent. Wohl bekomms.

Wie gestern bereits erwähnt ist Antrisabe die Stadt der bunten Fahrrad- und handgezogenen Rikschas, oder auch Pousse-Pousse genannt. Sie bestimmen das Stadtgebiet wie die gelben Taxen das von New York. Unterm Strich natürlich eine Kärrnerarbeit, und diejenigen, die die Karre ziehen, freuen sich über ein paar Scheine zum Lebensunterhalt. Immerhin ein ökologischer Ansatz, denn der Verkehr ist deutlich geringer als in vergleichbaren Städten.

Auch wenn die Gefahr durch ein Fahrrad umgenietet zu werden deutlich höher liegt als zu Hause von einem Auto. Trotzdem wäre ich lieber gelaufen, aber die Leute müssen ja auch was verdienen, zumal Ihnen die Rikschas noch nicht mal gehören, sondern jeden Tag angemietet werden müssen. Und so gönne ich mir eine halbstündige Rundfahrt zu Bahnhof, Kirche und Stammesdenkmal, womit die drei Sehenswürdigkeiten der 250.000 Einwohner Stadt auch schon alle abeklappert sind. 

Weiter geht’s in Richtung Westen. Französische Kolonialgebäude und Kirchen verschwinden, denn die Stämme folgen dem animistischen Glauben und hatten mit den Franzosen nie was am Hit. Vorbei an roten Hügeln, terrassenförmigen Reisfeldern, Flüssen, Lehm- und Strohhütten. Allerorten sind Leute unterwegs. Beim Fischen, beim Reispflanzen oder auf der Straße. Scharenweise Kinder auf dem Weg zur Schule in ihren hellblauen oder grünen Schuluniformen.

In den vorbeihuschenden Dörfern herrscht traute Gemeinsamkeit von Mensch und Zebu. Eine Idylle, wenn die Müllentsorgung klappen würde. Zudem sind Stromversorgung und fließendes Wasser eher unbekannt. Zur Entschädigung aber gibt es in jedem noch so kleinen Nest den Freund aller malegassischen in 0,65 Liter Flaschen: THB - The Holy Beer.

Am frühen Nachmittag dann die Endstation des Tages: Miandrivazo, der angeblich heißeste Ort der Insel. Das Hotel Lakana hat sich vor längerer Zeit in Le Pirogue umbenannt, was die Sache auch nicht besser macht. In der Nachmittagshitze wirkt es wie ein Miniferienlager mit einer allerdings sehr schönen Restaurant-Terrasse und einer funktionierenden und gut gefüllten Kühltruhe. Das Zimmer hingegen glänzt mit dem warmen Charme einer Schwimmbadtoilette mit Moskitonetz. Aufgrund von Bauarbeiten am Eingang des benachbarten Kuhstalls kann ich mein Zimmer nur durch ein anderes Zimmer erreichen. Auch nachts, vorbei an schnarchenden Bauarbeitern. 

P.S.: Ich dachte immer ich wäre mit heimischen Schapsvaranten vertraut, aber heute wird mir mitten in Madagaskar ein Killepitsch angeboten. Düsseldorfer Gesöff auf den ersten Sieg der Fortuba seit der Französischen Revolution. Man lernt nie aus.