Freitag, 9. November - Antsirabe

Pousse-Pousse

Gestern habe ich mich etwas näher mit den lokalen Bräuchen befasst. Ob christlich oder nicht, die Jungen werden hier alle beschnitten. Und zur Krönung des ganzen muss der Großvater die Vorhaut in einer Bananenschale eingewickelt als kulinarisches Highlight der Zeremonie vertilgen. Warum? Der Opa stirbt eh als nächstes und da kann er sich auch gleich um die Abfallentsorgung kümmern.

Eine Frau erzählt mir von ihrer Schwester, die fünf Jungen geboren hat. Nach der letzten Geburt und damit einer Handvoll verzehrter Bananenvorhäute de Luxe beschwerte sich der Opa: Entweder du bekommst jetzt ein Mädchen oder ich enterbe euch alle. 

Nach dieser beschnittenen Erleuchtung geht’s nach Antsirabe, der Stadt der Thermen. Also wie Bad Nauheim, nur ohne Eishockey. Heute ist Tag der Firmenbesichtigungen. Zur Begrüßung wartet die Miniaturfabrik "Art en miniature". Es wird vorgeführt und erklärt wie aus einfachen Materialien wie alten Blechdosen kleine, kunstvolle Fahrzeuge hergestellt werden. Also wieder Ente und R4. Ein Miniaturfahrrad ist schon für etwas über einen Euro zu haben, ein Bus für unter 4 Euro. Für denjenigen, der an handgearbeiteter Kunst interessiert ist eine lohnende Investition, aber für mich ein weiterer Staubfänger, den ich mir dann doch erspare. 

Und wenn wir denn schon mal hier sind, wird gleich noch die benachbarte Näherei vorgestellt, in welcher Frauen in Feinarbeit Baumwolle mit landestypischen Motiven besticken. Der Shop bietet dann entsprechende Kopfkissen, T- Shirts oder Basballcaps an. Das Ende der Betriebsbesichtigung war es aber auch noch nicht, nur eine Tür weiter wartet eine Fabrik, in der aus Zebuhorn verschiedene Deko hergestellt wird. Zumindest weiß ich jetzt, dass man nicht jedem x-beliebigen Zebu das Horn abraspeln sollte, sondern der Ochse schon bis zu zwölf Jahren auf dem Buckel haben sollte. Als kleines Geschenk darf man dann den soeben hergestellten Löffel behalten.

Last but not least: eine Aluminiumgießerei, wo in archaischen Werkstätten Töpfe und sonstiges Gedöns produziert wird. Man muss kein Prophet sein, dass die hier 11 Stunden am Tag schuftenden Arbeiter nach einigen Jahren gesundheitlich am Ende sind. Überall qualmt und rußt es und der Gestank wird lediglich von einem benachbarten Schweinestall übertroffen, wo sich auf engstem Raum sieben Säue suhlen.

Gegen halb fünf erreichen wir Antsirabe. Das Städtchen liegt auf 1.500m Höhe und hat daher ein vergleichsweise kühles Klima. Es ist die Hauptstadt der Pousse-Pousse, wie hier die Rikschas heißen. Und jawollo: Es gibt einen Supermarkt mit kühlen Getränken, was ich deshalb erwähne, weil ich schon nicht mehr damit gerechnet habe.

Belagert von unzähligen Rikscha-Fahrern mache ich einen Stadtrundgang, um nicht zuletzt auch die örtliche Gastronomie zu erkunden. Überall entgegnet mir ein Pousse-Pousse, oder um mich zu verwirren ruft der Fahrer auch mal Pussi-Pussi. Ein riesiges Kurhotel ohne nennenswerte Gäste und ein schick restaurierter Bahnhof, wo natürlich auch schon seit Jahren kein Zug mehr gehalten hat. 

Das Nachtleben hält sich in Grenzen, der einzige im Lonely Planet erwähnte Nightclub   schon längst seine Pforten geschlossen . Was ich natürlich auch erst merkte, als ich rund zwei Kilometer durch stockdunkle Nacht die Straße entlang und wieder zurück getigert bin. Und immer das wache Auge, ob da nicht irgendwo ein Polizist sein Salär aufbessern möchte. 

Es gibt zwar einige Bars, in denen ich mir ein Bier genehmige. Aber das sind alles Karaokebars, die vor Mitternacht zu machen, weil sich das Publikum auch an einem Freitag Abend lieber zu Hause als in der Kneipe aufhält. Und als Exot, sprich erster Weißer, der jemals so ein Etablissement besucht hat, Tauge ich anscheinend auch nichts mehr. Die einzige Orientierungshilfe sind übrigens die Tankstellen. Und da wird es ziemlich dunkel, wenn mit einem Lauten Knall ein Kurzschluss die Stromversorgung lahmlegt. Besonders an Knotenpunkten, wo Straßenhändler die LKW und Autofahrer belagern, kommt es dann schnell zu Plünderungen.

P.S.: Deutsche heißen im Norden Madagaskars übrigens Rainiboto. Was denn das wieder für ein Stuss ist frage ich und bekomme die Antwort: Deine Vorfahren kamen damals mit Rainboots, sprich Gummistiefel.