Montag, 5. November - Antananarivo

Entenrennen

Tag 2 in Antananarivo. Da gestern außer den Strassenmärkten alle Geschäfte geschlossen hatten, mache ich mich heute auf die Suche nach Touranbietern in den Norden des Landes. Mein Lonely Planet aus dem Jahr 2015 hat immerhin drei Adressen, die ich abklappere. Da das Personal anscheinend öfters den Englisch-Unterricht geschwänzt hat gestalten sich die Verhandlungen äußerst schwierig. Erst gegen Nachmittag würde ich, fündig, ich kann mich ab Mittwoch in eine Gruppe für 5 Tage einklinken. Der Nachteil dabei, die Freunde hier akzeptieren nur Cash und so muss ich mir bei den hiesigen Banknoten erstmal einen Schubkarren voll holen. Das positive aber, die von mir anvisierte Tour auf dem Fluss mit Übernachtung bei den Einheimischen ist inbegriffen. 

Den Rest des Tages erwandere ich Tana, treppauf treppab, Hügel für Hügel, alles ist sehr eng und so manche Wege höchstens einen Meter breit. Manchmal weiß ich nicht, ob das wirklich noch ein öffentlicher Weg ist, oder nur zwei Wohnungen verbindet. Die Einheimischen sind sehr zurückhaltend und beobachten den auf unebnen Treppen herumtappenden Touristen höchstens mit einem Lächeln. In Kirgistan hätte mich eine Horde kläffender Straßenköter schon längst von jedem Grundstück vertrieben. 

Und wenn ich dann wieder eine Straße erreiche: Menschenmassen schieben sich durch die Blechkarawanen. Es gilt das Recht des Stärkeren, aber bis auf die provokativ auf Fußgänger zurasenden Minibusse kommt man mit gekonntem Slalomwalking an jedes Ziel.

Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt, dennoch wirken die Stadt und ihre Bewohner nicht offensichtlich arm, wie dies in anderen Ländern Afrikas zu beobachten ist. Klar: Zwischen Häusern aus der französischen Kolonialzeit stehen Holzhütten, vor denen Tagelöhner ein wenig Obst und Gemüse verkaufen. Größere Geschäfte sehe ich nicht, stattdessen gibt es stadtauswärts einen Markt, der sich kilometerlang an der Straße lang zieht. Viel Obst, Gemüse und Fleisch wird verkauft, immer wieder die selben Sachen, und trotzdem wimmelt es nur so vor Menschen. Womit wir wieder beim Thema wären: es gibt alles was der Malegasse so braucht, aber kühle Getränke kann man im wahrsten Sinne des Wortes mit der Sturmlaterne suchen. Selbst von den Bonjour-Läden der Tankstellenkette Total, wo ich in Niger, Mali oder Kamerun alles Notwendige kaufen konnte enttäuscht mich mit gerade einem schlecht schmecken Wasser im Angebot.

Ich nehme mir eine spottbillige Ente, also einen Citroën für die die jetzt denken, jetzt spinnt er total. Denn ich will auch mal raus aus Antananarivo und fahre über die vielen Hügel auf den Bergkamm. Als quasi als Nils Holgersson-Kopie auf seiner Ente durch die Straßen von Madagaskar. Von oben hat man einen tollen Blick auf die Stadt, bevor man durch kleine Vororte gelangt. Ein kleiner Wasserfall markiert das Ende der Stadt, ab hier beginnt die "rural area". 

Vom Hügel herab quälen sich meine Ente und ich durch den dichten und stickigen Feierabendverkehr in die Innenstadt. Alle freien Stellen auf der Straße, auf Gehwegen, eigentlich überall, werden von Straßenhändlern belagert. Und ist man da durch, kommen hunderte von fliegenden Händlern mit Sonnenbrillen, Honeckerhütchen, Kopfkissen, Kochtöpfen und "echten" Rolexuhren zwischen den Autos hindurch. Durchschnittsgeschwindigkeit vermutlich 1 km/h.

Bevor ich mich dann ins Nachtleben stürze, merke ich erst was der Verkehr mit mir angerichtet hat. Wasser und Handtuch im Hotel sind rabenschwarz. Damit sehe ich schon mal aus wie die Einheimischen. Als Anlaufziel hat sich eine Bar mit dem Namen Le Carnivore, zu Deutsch „Der Fleischfresser“. Mit den Bedienungen habe ich mich bereits angefreundet, ein Thekennachbar meint, sie wären heißer als die Steaks hier. Stellt sich mir natürlich die Frage, ob das Fleisch hier kalt serviert wird.

P.S.: Auf den Heimweg muss ich durch die Straße aller Laster. Also nicht der LKWs, sondern den Straßenstrich. Am ersten Tag bin ich noch erschrocken, als mir aus der Dunkelheit ein Cherie entgegentönt. Heute kontere ich auf das Cherie aus der Dunkelheit in astreinem Udo Jürgens Sound: „Merci, merci, für die Stunden Cherie, Cherie. Da war die Dame aber platt.