Sonntag, 4. November - Antananarivo

Insel ohne Wasser

Heute ist Ausschlafen angesagt. Antananarivo, oder wie die Einheimischen kurz Tana sagen, zeigt sich ziemlich dunkel bei Nacht. Also nehme ich mir die Stadt heute etwas genauer unter die Lupe. Wer sich mit dem schwarzen Kontinent ein wenig auskennt, weiß, daß afrikanische Städte nicht zu den schönsten der Welt gehören. Dreck, Staub, Verkehr - so kenne ich das aus Mali, dem Niger oder Kamerun. 

Doch Tana bildet an diesem Sonntag eine Ausnahme. Es kommt mir irgendwie vor wie eine französische Kleinstadt in den 50ern. Enten von Renault oder der R4 von Citroën bestimmen das Straßenbild.  So lernen wir eine ruhige Stadt bei schönstem Sonnenschein kennen. Der Straßenverkehr hält sich in Grenzen und die Geschäfte sind geschlossen. Ganze Familien flanieren, sonntäglich fein gemacht, auf dem Weg zu einer der zahlreichen Kirchen an uns vorbei. Überall begegnen wir herrlich tiefblau blühenden Bäumen. Sakaraga betitelt sie einer unserer Chauffeure später, meine Schreibversion ist wahrscheinlich völlig falsch.

Unweit der Avenue de l'Indenpendence entdecke ich einen riesigen Markt. Hier gibt es alles, was das afrikanische Leben benötigt. Tonnenweise Schuhe und Second Hand Kleidung, Direktexporte der ersten und zweiten Welt, Obst und Gemüse, Pfeffer und Vanille, klar doch. Die Jeans werden inklusive halber Plastikpuppe angeboten. Dazu lebende Hühner und totes Fleisch nebst der dazugehörigen Fliegenschwärme. Schon allein vom bloßen Hinsehen könnte man Durchfall bekommen.
Ich mache mich raus aus dem Trubel und durchstreife die Oberstadt. Tana ist recht hügelig und eröffnet dem sportlichen Wanderer immer wieder beeindruckende Panoramen. Das macht durstig, aber auch hier sind alle Läden geschlossen. Eine Insel ohne Wasser! Also:Das Wasser alle, die Läden zu, nach zwei Stunden Durststrecke finde ich eine glühend heiße 1 Liter Coca-Cola Glasflasche. Enjoy!
Wasser finde ich dann irgendwann, allerdings nur in Form eines Sees mitten in der Stadt. Es ist der Lac Anosy, wunderschön im Tal gelegen, aber das war’s dann auch schon mit der Schönheit.Pärchen liegen träumend am Flussufer, genauso wie der ganze Abfall. Am Ufer entdecke ich mehrere  Hauptstädter. Die einen waschen dich, die anderen pinkeln, und das traut nebeneinander. Bizarr.  Lac Urinal wäre glaube ich die bessere Bezeichnung, er dient halt allen Bedürfnissen. Am Rande dann eine winzig kleine Gasse mit aneinander gereihten Bretterverschlägen. Es ist die Straße der Barbiere und auch Sonntags herrscht hier ein Riesenandrang.
Am Abend versuche ich mein Glück im nicht vorhandenen Nachtleben. Gleich mehrerer Warnungen zum Trotz. Tana sei abends gefährlich, es habe in letzter Zeit wiederholt Raubüberfälle auf Touristen gegeben. Na ja, da sind die bei mir richtig. Madagascar ist eines der ärmsten Länder der Welt und fast alles muss bar bezahlt werden. Jeder Tourist hat daher jede Menge Scheine im Portemonnaie. Das wissen natürlich auch Alibaba und die 40 Malegassen.
Aber das regele ich dann auf meine Weise. Mehr als 15 Euro Gegenwert habe ich ohnehin nicht dabei und auf dem Rückweg sicher weniger. Und das wird dann auf Pistolen unterstützte Aufforderung ausgehändigt. Aber mich hat ja noch nie jemand überfallen wollen, warum sollten ausgerechnet die Madegassen damit anfangen.
Geld abheben ist hier auch ein grösseres Ploblem. Der größte Schein ist gerade mal 4 Euro wert und ein 10.000er. Man muß sich selbst bei kleineren Beträgen auf riesige Bündel Ariary, so heißt die Währung, einstellen. Eine ältere Dame der Grande Nation stand vor mir. Der Geldautomat hat unglaublich lange, sehr viel Altpapier ausgegeben. Ein Glück, daß sie eine größere Tasche bei sich hatte.
P.S.: In Madagaskar sind am Mittwoch Präsidentschaftswahlen. 35 Kandidaten fahren mit ihren Lautsprecherwagen durch die Gassen. Und dazwischen Lautsprecherwagen der verschiedenen Tekefongesellschaften hier. Der Unterschied? Keiner!