Donnerstag, 10. Mai - Tschetschenien

Kaukasische Scheibenlehre

Und jetzt passieren wir das Denkmal der drei Idioten, wird mir mit lokalem Pathos versichert. Während ich noch an die drei obligatorischen Affen denke, sehe ich eine Statue, die drei Bolschewiki darstellt. Der Kommunismus ist hier ein rotes Tuch, haben die Russen doch in den Tschetschenien-Kriegen mehr platt gemacht als die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 

Während in Grozny nichts mehr von Krieg zu sehen ist sieht es auf dem Land ganz anders aus. Vielerorts zerstörte Häuser, Bäume, die aus den Häusern wuchern. Heute ist Hiking in den Tschechischen Bergen angesagt. Die vielen Ehemaligen Wachtürme dienen dabei als Orientierungshilfe, zudem gab es einen netten Wasserfall zu sehen. Der Weg dahin war zwar extrem glitschig, so dass ich am Ende nasser war als der Wasserfall selbst, aber etwas nennenswertes ist an sich nicht passiert. Bis auf die Tatsache, dass das Servieren eines Kaffees bis zu zwei Stunden dauern kann. Aber diese Zeit kann man sich mit dem Gang zur Toilette vertreiben. Der dauert nämlich, wenn man die Schlange vor dem Häuschen als Massstab nimmt, auch mindestens eine Stunde.

Am Abend nehme ich nochmals die Hauptstadt unter die Lupe. Dabei lande ich in einem extrem spärlich ausgestatteten Tourismusbüro. Auf jeder Kaffeetasse, jedem Magneten, jedem Wimpel ist der Präsident abgebildet. Nordkorea lässt grüßen. Zum Abschied drückt man mir noch eine Werbebroschüre in die Hand. Visit Chechnia  heißt das gute Stück und auf einem Foto ist der Tourismusminister abgebildet. Mit einem Dolch in der Hand und dem darunter stehenden Versprechen, dass man in Tschetschenien in guten Händen sei. 

Kommen wir nochmals auf den Führerkult zurück. Überall hängen meterhohe Plakate von Kadyrow Senior (2004 in die Luft gesprengt), Sohnemann Kadyrow (aktueller Despot) und Putin (Oberdespot, aber ein Waisenknabe gegen die Kadyrows). Früher hingen, so erzählt man mir, Bilder mit allen drei Despoten. Und zwar solange, bis sich die Bevölkerung darüber lustig machte. So war es es Usus, die drei als Vater, Sohn und Heiliger Geist zu bezeichnen. Was besonders in Moskau nicht gut ankam.

Vorbei an sterilen Häusern und sterilen Stassen Eile ich nochmals zur blank polierten Moschee. Was dabei auffällt ist der Mangel an Leuten. Ein Fußballstadion nach dem Schlusspfiff quasi. Keine Leute in der Moschee, wenige Leute in den Straßen, keine Kriegsversehrten nach nur neun Jahren Krieg. Lediglich im Park tummeln sich ein paar Familien mit Kindern um die aus Hecken gestylten Löwen, Giraffen oder Hippos. Alles wirkt künstlich und durch die auf Schritt und Tritt präsente Miliz fühlt man sich auch auf Schritt und Tritt beobachtet.

Mit dem Taxi fahre ich vom Hotel spät abends nochmals in die Innenstadt. Ein folgenschwerer Fehler zumindest für den Taxifahrer. Ok, es war eigentlich kein lizensiertes Taxi, sondern ein Ossete, der sich ein paar Kröten schwarz dazu verdienen wollte. Bei der ersten Polizeikontrolle das erste Problem. Eine dunkel getönte Hinterscheibe. Getönte Scheiben sind nämlich nur dem Clan der Machthaber vorbehalten und ein Verstoß gegen diese Regel wird wahlweise mit dem Konfiszieren desselben Autos oder der Internierung in einer geschlossenen Anstalt geahndet. Hiesige Straßenpolizisten sind ja berüchtigt für Ihre skrupellose Geschäftsausübung. Allerdings ist der Ossete auch nicht blöd und  weist auf seine in Inguschetien zugelassenen Kfz-Schein. Da beweisen getönte Scheiben nämlich Loyalität zum regierenden Despoten. Kaukasische Scheibenlehre eben, jedenfalls soweit ich das alles halbwegs nachvollziehen konnte.

Der Abend endet erneut im Grozny City, allerdings ohne penetrante Rolex Verkäufer. Nach doch einigen Wodkas der Marke Hauspansch fällt mir die Kommunikation doch etwas schwer. Und so kommt etwas zum Einsatz, was ich bisher nur aus der Facebookwerbung kannte. Du sprichst auf deutsch was ins Handy und die App übersetzt es dir ins Russische. Das hältst du dann dem verdutzen Kellner vor die Nase und forderst ihn auf, die Antwort ebenfalls ins Handy zwecks Übersetzung zu sprechen. Das Resultat der Übung: irgendwann kommt der Kellner und stellt mir drei Bier und drei Wodka am Stück vor die Nase.

P.S.: Beim ungläubigen Anblick der drei Wodkas auf dem Tablett wird mir verdeutlicht: ein echter Kaukasier kippt problemlos acht Gläser Wodka hintereinander ab. Nach dieser Logik habe ich jetzt die Kaukasusprüfung zu 3/8tel bestanden.