Sonntag, 6. Mai - Beslan / Vladikavkaz

Ort des Grauens

Drei Tage lang sperrten islamistische Terroristen ihre Geiseln in die Turnhalle der Schule ein. Angekommen in Beslan, der ersten Station im Kaukasus. Ein Terrorkommando überfiel am 1. September 2004 die Schule Nummer eins in dem Städtchen, trieb über tausend Menschen in die Turnhalle. Die Angreifer forderten den Rückzug der dort stationierten russischen Truppen, den Rücktritt von Putin und die Freilassung inhaftierter Kampfgenossen.

Die Kämpfer verminten die Fenster, hängten Sprengsätze an die Basketballkörbe, unter denen die Geiseln saßen. Als die Behörden zwei Tage später die Gefangenen befreien wollten, gab ein Blutbad. Die Sprengsätze detonierten, die Decke der Halle stürzte ein. Über 330 Tote. Meist Kinder, die an diesem Tag eingeschult wurden und mit ihren Eltern kamen.

Ich stehe nun in dieser Turnhalle und komme aus der Schockstarre nicht mehr raus. Die Schule wurde nach dem Terroranschlag geschlossen, die Turnhalle nun eine Gedenkstätte ohne irgendwelche Erläuterungen. Und über der Halle wurde ein elliptischer goldfarbener Sarkophag gelegt. Die Fensterscheiben sind zerborsten, die Wände mit Einschusslöchern übersät oder ganz eingestürzt.

Bilder hängen an den Wänden. Doch was zuerst ins Auge fällt: Überall Puppen und Kuschel­tiere für die Kinder, die hier starben. Und überall Wasserflaschen. Sie erinnern daran, dass die Geiseln bei der Hitze unter großem Durst litten.

Nach einem Besuch auf dem eigens für die Opfer errichteten Friedhof schreibe ich noch was ins Kondolenzbuch und muss das ganze erstmal auf dem Weg nach Vladikavkaz verdauen. Schnitt.

Vladikavkaz ist das Zentrum der russischen Teilrepublik Nordossetien und war wegen der Nähe zu Tschetschenien lange Tabu für Touristen. Dabei ist die Stadt überraschend ansehnlich. Nicht nur an der zentralen Fußgängerzone, dem Friedens-Boulevard, stehen noch viele sanierte Altbauten aus dem 19. Jahrhundert. Auf dem Markt ist der Zutritt streng reglementiert und Fotos verboten. Terroranschläge leider auch hier keine Seltenheit. Willkommen im Kaukasus.

Ins Auge sticht auch die kaukasische Gastronomie, wo nicht nur die Steaks sondern auch die Preise gepfeffert sind. Und alles geht extra, so dass man den Preis am Schluss nur schätzen kann. Auf einer Speisekarte lässt sich auf der letzten Seite sogar eine Gebühr für eine bekleckerte Tischdecke oder ein zerbrochenes Glas finden.

In einem Pub bestelle ich das Hausmixgetränk, einen feurigen Tschetschenen. Das ist Rum, Tequila und etwas Kaffee. Ich höre, dass das Gesöff traditionell mit einer Pistole und einem Pferd vor der Tür serviert wird. Wer sowas runter bekommt, darf, so die Geschichte , zweimal mit dem Pferd um den Block reiten und wild um sich schießen. 

P.S. Da ich mit Pferden und Pistolen nicht kann, zählte ich und verschwand nach draußen. Unter dem Gesang der Wirtin, die jeden so verabschiedet, der den Mut hatte, den feurigen Tschetschenen zu bestellen.