Montag, 20. November 2017 - Alantika Berge

Komasaufen zum Erntedank

Heute geht's zu den Koma. Das kleine Volk lebt in den Alantika Bergen. Hier stehen die Uhren seit Jahrhunderten still und die Uhren die gehen, funktionieren so: die Komplette Hirseernte wird zu Hirsebier verarbeitet und anschließend selbst gesoffen. Gleiches geschieht mit der Tabakernte, wobei besonders die Damen mit ihren Holzpfeifen den ganzen Tag paffen. Und die Männer faulenzen auf den Matten vor den Hütten.

Wie gesagt, die Koma sind ein Bergvolk, also ist den ganzen Tag über Trekking angesagt.
Die Wege sind gar nicht so beschwerlich, aber es ist brütend heiß. Gegen 12 Uhr mittags erreichen wir das erste Dorf und die Sonne brennt vom Himmel wie eine Heimsuchung aus dem alten Testament. Ich kauere vor dem nicht vorhandenen Schatten einer Hütte. Ein Dorf, welches selbst für kamerunische Verhältnisse ein Zeuge purer Verzweiflung ist.

Sechs Behausungen in zeitloser Lehmarchitektur mit Strohdächern, ein paar staubige Bäume und am Ortseingang ein paar Stolperfallen im Fels. Fehlte nur noch, dass auf den Dächern die Geier nach dem nächsten Ausschau halten, dem die bleierne Hitze den Rest gegeben hat.

Vor der Hütte hat sich ein Typ aufgebaut, der mich so freundlich mustert wie eine Kobra mit Zahnweh. Und wenig später herrscht ein Gewusel, als wären die Statisten von Indiana Jones alle auf einmal losgelassen worden.

Textilhänder können hier nichts verdienen. Die Damen tragen einen Rock aus Blättern, sonst nichts. Und wie eingangs erwähnt bin ich im Eldorado der Hirsebierproduktion angekommen. Da es zudem sehr schwierig ist, das Gesöff mit dem Geschmack von Tapetenkleister in Flaschen abgefüllt in die Täler zu transportieren wird der gesamte Vorrat eben selbst konsumiert. Lauwarm versteht sich. Als Zeuge des Geschehens kann ich sagen, dass das Zeug unheimlich dröhnt. Und heute gibt es eine Extradröhnung, denn im Dorf wird Erntedankfest gefeiert. Zwar steht die ganze Hirse noch , sofern sie nicht für das tägliche Besäufnis bereits geerntet wurde. Aber die Ernte beginnt eigentlich erst in Kürze und hierzulande wird nicht wie bei uns zum Ende, sondern zum Ernteanfang gefeiert.

Auch der Dorfbürgermeister in Personalunion gleich Medizinmann und Schamane ist in Dienstkleidung zugehen, die eigentlich nicht zu beschreiben ist. Ein Foto (folgt) füge ich zur besseren Veranschaulichung einfach bei.

Er führt einen Tanz mit merkwürdigen Verrenkungen auf, die allerdings weitgehend dem exzessiven Konsum von Hirsebier geschuldet ist. Die Bürgersprechstunde verläuft dann auch nicht viel anders. Es ist ein einziges Herumkrakele. Zu guter letzt liegt er regungslos irgendwo in der Ecke, als Hätte ihn gerade das zeitliche gesegnet. Da gewinnt der Begriff Komasaufen eine ganz andere Dimension. Der Mann repräsentiert ja nur seine Bürger ... Natürlich habe ich das alles in Wort und Bild aufgenommen, man will ja schließlich dem Reichelsheimer Rathauschef auch mal zeigen, was seine Amtskollegen andernorts so tun.

Und was machen die anderen Dorfbewohner so: tanzen bis zum Abwinken. Das geht um 4 Uhr mittags los und endet irgendwann nach zehn. So genau habe ich auch nicht auf die Uhr geschaut. Rund 6 Stunden wird in einer Art Ringelrein unter heftigem Trommeln immer das gleiche gesungen. Die Damen sind alle nackt, weshalb ich mich dann doch nicht dazu verleiten lasse, hier die "Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse"-Polonaise anzustimmen. Gut - bei dem Hirsebier Konsum, hätte da sowieso niemand mehr was gemerkt. Zum guten Schluss tanzt völlig in Extase dann noch eine Puppe in Form einer Strohgarbe - vermutlich auch eine Folge des Hirsebiers. Es ist der Erntetanz.

Ach ja. Gesoffen wird hier vom Kind bis zum Greis. Auch die Muttermilch besteht bestimmt zu 50 Prozent aus Alkohol. Und während sich die Einheimischen mit Hirsebier ins Koma saufen war auch heute wieder ein Moped über die Berge nach Nigeria unterwegs. Eine Kiste Satzenbrau.

P.S. Wenn ich mir die Erntedankaktivitäten bei uns so anschaue, muss ich sagen: 1 zu 0 für die Koma.