Freitag, 17. November 2017, Tourou – Rhumsiki

Kalebassen und Granaten

Der vierte Tag Im trocken-heißen Norden. Es geht in die Mandara-Berge entlang der Grenze zu Nigeria, kulturell geprägt von den zahllosen animistischen Ethnien.

Nach einer annehmbaren Schotterpiste erreiche ich den kleinen Ort Tourou, der vor bunt gekleideten Menschen schier aus allen Nähten platzt. Es ist Markttag und so kommen hier die verschiedensten Ethnien aus der ganzen Umgebung zusammen.

Obwohl es erst mitten am Vormittag ist, knallt die Sonne erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel. Ich weiß kaum, wohin ich zuerst hingehen soll. Das Auge findet nirgends einen Halt und da das Farbgewirr obendrein auch noch in Bewegung ist, fällt doch eines auf: Frauen mit einer eigenartigen Kopfbedeckung. Sie tragen sturzhelmartige Hüte aus Kalebassen, in die dekorative Muster eingeritzt sind.

Diese Frauen gehören zu den Goudour, die beidseits der Grenze leben. Ihre Kalebassenhelme verraten je nach Zeichnung, ob es sich um verheiratete, ledige oder verwitwete Frauen handelt. Andere tragen dazu noch Nägel in der Nase. Vom Alter her waren oder sind die noch alle verheiratet. Immerhin weiß ich jetzt wo das Piercing erfunden wurde. Hier laufen noch die ersten Kunden rum.

Zebu Rinder laufen übrigens auch rum, die Mich zum Stierkampf auffordern. Zumindest für ein schönes Foto hat's gereicht.

Nach weitern 50 Kilometer Pistenfahrt bin ich mehr als durchgeschüttelt. Aber das in den Bergen gelegene Rhumsiki entschädigt für alles. Die Felsformationen erinnern irgendwie an Peru oder wahlweise auch den Zuckerhut. Und in der untergehenden Sonne ergeben sich ohnehin die besten Motive.

Die Gegend was bis zum Frühjahr eine No Go Area, Boko Haram hatte oder hat immer noch ihre Stützpunkte. Die militanten Gotteskrieger aus Nigeria versuchen natürlich auch hier die Muslime zu unterwandern. Die Folge: Ein ganzer Stoßtrupp mit an die Zähne bewaffneten Soldaten fungiert als Reisebegleiter. Und der Chef mit gerade zwei Balkrn auf der Schulter spielt sich auf wie der Oberkommandierende persönlich. Immerhin ist das Equipment doch beachtlich: Sturmgewehre, MPs oder Handgranaten. Da müssen sich die Herrschaften aus den Reihen der Islamisten aber anstrengen, bevor sie mir den üblichen Ritualen entsprechend die Kehle durchschneiden.

Damit möchte ich es für heute auch belassen. Der Abend endete in einem Camp, das obwohl von der Regierung betrieben seit fünf Jahren keinen Touristen mehr gesehen hat. Wie gesagt: dank des Terrors von Boko Haram. Die Leute werden zudem seit fünf Jahren auch nicht mehr bezahlt, wenn man von ein paar Kröten absieht. Dennoch sind die Leute freundlich und haben kaltes Bier im Kühlschrank. Sonst allerdings auch nichts. Egal, ein spannender Abend geht zu Ende und die Soldaten vergnügen sich an einem Hammel.

P.S.: Im Ort erhalten alle den Namen nach einem bestimmten Schema. Alle Erstgeborenen heißen um mal ein Beispiel zu nennen Josef, die Zweitgeborenen Karl oder die Drittgeborenen Herbert. Nummer sechs heißt Gotschi. Melde ich mich zu Wort und sage: "Und die Nummer sieben? Tamagotchi."