Freitag, 12. Mai - Kabul 

Fazit

Der letzte Tag in Kabul diente nur einem Vorhaben. Die Zeit totzuschlagen, um gegen 15 Uhr zum Flughafen aufzubrechen. Ich gehe nochmals zum Bush Basar, der hier noch immer nach dem damaligen US Präsidenten benannt ist und mache einen kleinen Ausflug raus aus Kabul zu einem Freizeitsee. Wobei sich Freizeit in erster Linie dadurch definiert, dass im See eigentlich nichts stattfindet. Ein paar Picknickbuden und Gerätschaften die man früher auf Jahrmärkten gefunden hat wie Riesenrad oder Schiffschaukel. Mehr passiert hier nicht, baden scheint jedenfalls Tabu.

Zeit also für ein kleines Fazit nach fast zwei Wochen Afghanistan.

Man sollte sich schon im Klaren sein, dass jedem Ausländer ein Schild vor der Stirn hängt auf dem 1 Million Dollar oder so steht. Vielleicht bei Europäern nicht ganz so viel. Deshalb sollte man sich an einem Ort nicht allzuoft sehen lassen, das Entführungsrisiko ist jederzeit gegeben.

Grundsätzlich fühlt man sich in vielen Gebieten aber sicher. Was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass der IS besonders in Kabul und den Ostregionen an Einfluss gewinn. Wie Afghanistan in 10 Jahren aussieht, weiß auch im Land niemand. Solange die Regierung in Kabul nur 60 Prozent des Landes mit fallender Tendenz kontrolliert, sind bürgerkriegsähnliche Zustände in Zukunft vorprogrammiert. Im Moment herrscht aber eher die Auseinandersetzung zwischen Taliban und dem IS um die Oberhoheit des radikalen Islams vor. Und Anschläge werden üblicherweise gehen regierungstreue Behörden, das Militär und US Einrichtungen ausgeübt. Weniger gegen die Zivilbevölkerung und hier vor allem gegen die schiitische Minderheit.

Allerdings herrscht im Lande auch Aufbruchstimmung. Besonders in Mazar, Herat und Bamyan wird gebaut, die Städte entwickeln sich sichtbar. Man stellt sich dann schon die Frage, warum in Deutschland darüber diskutiert wird, abgelehnte Asylbewerber zurückzuschicken. Solche Leute werden für den Aufbau im Lande gebraucht. Und warum muss jemand aus dem Süden des Landes, in dem die Taliban regieren nach Europa ausreisen? Wo doch möglicherweise in vielen Regionen im Norden und Westen mit entsprechender Unterstützung eine neue Existenz aufgebaut werden kann. Mit erschließt sich die jetzige Abschiebepraxis jedenfalls nicht.

Natürlich werde ich niemandem empfehlen, nach Afghanistan zu reisen, aber das Land hat so manches Sehenswerter. Kommunikationsfreudige Leute, schöne Landschaften im Hindukusch und türkisblaue Moscheen a la Usbekistan. Kabul selbst ist eine Räuberhöhle aus Mauern, Stacheldraht und der täglichen Angst vor dem IS. Aber genau dies macht die Stadt interessant