Donnerstag, 11. Mai - Kabul

Aerobic 

Nach drei Tagen Bamyan nochmals zurück in Kabul. Statt einem erneut 6-10 stündigen Gegurke über Stock und Stein oder wie man hier sagt, über Taliban und Hindukusch, nehme ich den Flieger.

Zudem habe ich gehört, dass die Taliban auf der Strecke wieder Kontrollposten errichtet haben. Und das birgt dann doch Gefahren in sich. Zwar sind die Gotteskrieger eher dafür bekannt, Touristen zu entführen. Da aber kaum ein solcher in der Gegend zu finden ist, sind die Kollegen mit dem schwarzen Turban möglicherweise überfordert und zücken dann gleich die Pump Gun. Dass ein Tourist so einfach weiter fährt, ist eher ausgeschlossen.

Also dann mit einer kleinen Propellermaschine durch den Hindukusch düsen. Der Flugplatz in Bamyan war bis vor kurzem noch eine Schotterpiste ohne Terminal und Umzäunung. Und für den einen Flug am Tag wurden Schafe, Esel und Ziegen von der Startbahn getrieben. Jetzt gibt es zwar ein kleines von Japan gebautes Terminal, aber das hat noch keine Elektroversorgung. Also alles wie gehabt.

Nur dass heute keine Esel die Startbahn blockieren, sondern der afghanische Vizepräsident. Der kommt nämlich heute, weshalb im Hotel das Frühstück bereits im kleinen Kämmerlein serviert wurde. Nun interessiert mich der afghanische Vizepräsident herzlich wenig. Nur solange der den Flugplatz nicht verlässt, startet hier keine Maschine. Und der Mann hat Zeit. Schwätzchen hier, Küsschen da - und ich sitze mit Gepäck beim Flugplatzesel.

Die tolle Aussicht entschädigt dann aber die Verspätung - Ankunft Kabul gegen 11 Uhr. Eigentlich gibt es in der Hauptstadt nicht mehr viel zu sehen und so steuern wir einige ausgewählte Adressen an.

Da gibt es den letzten Juden von Afghanistan, der sich seit Jahren von den Amerikanern aushalten lässt, obwohl im doch die halbe Häuserzeile gehört. Ich fahre nochmals auf einen Hügel der Stadt um neben der tollen Aussicht auch nochmals das weiße Zeppelin-artige Luftschiff zu fotografieren, von dem hier halb Kabul abgehört wird.

Und schließlich geht es noch zum afghanischen Olympiastützpunkt, der allerdings einer Müllhalde sportlicher Anlagen gleich kommt. Im Fußballstadion Gazi wüteten einst die Taliban. Jeden Tag gab es dort nicht Brot und Spiele sondern Hinrichtungen, Steinigungen und Zwangsamputationen. Taliban-Horror eben.

Auf dem Weg liegt die Hall of Strenghts, die Halle der Kräfte. Hier gehen junge Leute einer merkwürdigen Sportart nach, die ich allerdings schon im iranischen Yazd gesehen hatte. Irgend was zwischen Aerobic, Gewichtheben und jonglieren. Dazu werden große Holzkegel und seltsame, an Ochsengeschirre erinnernde Metallketten geschwungen. Almabtrieb ohne Alm und Kuh irgendwie. Stattdessen sorgt ein Trommler für die Musik.

Seis drum. Auf der Rückfahrt ins Hotel würde es noch einmal spannend. Es ist Donnerstag Abend und ausgerechnet vor dem hermetisch und mit meterhohen Mauern abgeriegelten Verteidigungsministerium werden wir gefilzt. Da wird selbst den Fahrer mulmig: It's probably not the best place to stop" murmelt er gleich mehrmals. Denn das Verteidigungsministerium ist ein Hauptanschlagsziel und der Donnerstag ist der Tag vor den Feiertag, wo immer viele Leute einkaufen gehen. Wenn jetzt noch ein Militärkonvoi um die Ecke oder aus dem Ministerium geschossen kommt, dann haben wir uns in der Tat in eine Mausefalle manövriert. 

Doch der IS hatte ein Einsehen und so geht ein sonniger Tag in Kabul ohne Schrammen zu Ende.

P.S. Der Flieger heute morgen hatte die Aufschrift Operated by Ukrainian Wings, auch die Besatzung sah sichtbar nicht afghanisch aus. Vielleicht sind die hiesigen Piloten nicht mit der Stellenbeschreibung einverstanden. Denn irgendwann kam der Copilot mit einem Plastiksack aus dem Cockpit und hat die leeren Kaffeebecher eingesammelt