Mittwoch, 10. Mai - Bamyan

Klassenfahrt hui - Matchmaking pfui 

Wo fangen wir heute eigentlich an? Beim Apotheker, beim Dating Service oder ganz wo anders? Eigentlich hätte den Stoff für den Blog locker um 8 Uhr morgens zusammen gehabt.

Um 5 Uhr, noch bevor der Muezzin kräht, war Aufstehen angesagt. D nun eine Stunde später hatte ich bereits eine Verabredung zum Wednesday Women Run. Die Damen einer Privatschule treffen sich jeden Mittwoch um 6 Uhr zum Joggen in den Neubaugebieten non Bamyan. Und hier hatte ich bereits vorgestern mit einer Lehrerin aus den USA, die hier unterrichtet, Kontakte geknüpft. 

In genau diese Dame war der Busfahrer verknallt, weshalb er meinen Dating Service auch anfragte. Oder wie das hier heißt: you are the matchmaker. Aber anstatt mitzulaufen, bracht mein Fahrer noch nicht mal ein Hallo bei der Begrüßung heraus. Hyperaktive US Lady und schüchterner Afghane mit 70er Jahre Frisur - da geht vermutlich nicht allzuviel. Auch die ersten Fangfragen verliefen im Sande, so dass meine virtuelle Tickbox erst mal ad Acta gelegt wurde. Vielleicht heute Abend.

Während die Damen duschen gehen, begutachte ich die Privatschule. Doch außer mir war lediglich ein Hausmeister Krause Verschnitt ohne Hut anwesend. Und der wollte mich auch unverzüglich hinaus komplimentieren. Als ich dann noch das eine oder andere Foto der Klassenräume schießen wollte, schritt Hausmeister Krause zur Tat- und rief die Polizei. Was jetzt auch keinen Aufwand bedeutete, da der Polizeikommandant direkt neben der Schule wohnte.

Egal. Nach einem kurzen Interviews sind wir flugs beim Smalltalk. Ich muss eigentlich nur die Grundbegriffe der Konversation beherrschen und schon bin ich hier der König. Afghanistan is beautiful, Bamyan even more und Police is doing great work und so weiter... Jedenfalls hat er mir dann gleich eine Tasse Tee angeboten, der er noch schnell zu Hause gekocht hat. Frühstück bei Tee vom Polizeikommandanten im Schulgarten mit spielenden Kindern. Solche Fotomotive muss man erst einmal finden.

Auf dem Rückweg kümmere ich mich um den Fahrer - wegen des Datings.

Doch die Klassenfahrt geht weiter. Allerdings keine steht jetzt keine schicke Privatschule auf der Agenda , sondern eine Höhleneinrichtung. Die Eltern leben hier in in den Fels gehauene Höhlen, meist Flüchtlinge aus anderen Landesregionen. Die staatliche Unterstützung ist gleich null, aber zwei 18-jährige Studenten unterrichten hier jeden Tag zwei Stunden Rechnen, Lesen und Schreiben. Heute ist Zahlenlesen dran. Rund 20 Kids sind mehr oder weniger voll motiviert und schreiben Zahlen ans notdürftig befestigte Whiteboard. Die Kinder kommen nach vorne und erzählen. Ein Gedicht, die Mädels wollen Ärzte werden, ein Junge Polizist. Vermutlich unerfüllte Träume. Hier wären die Milliarden für afghanische Flüchtlinge sicherlich besser aufgehoben als in der deutschen Verwaltungsmühle.

Der Bachmittag vergeht schnell. Bamyan ist ein einziger quirliger Markt, wo es für die Dinge des Alltags alles zu kaufen gibt. Beeindruckend die Schmieden, wo die Uhr mal kurz 200 Jahre zurück gedreht wird. Überall trifft man Leute, die Grüßen und zum Smalltalk einladen. Nach drei Tagen Bamyan, ist nicht nur mein Gesicht bekannt, sondern auch mir so manches Gesicht vertraut. Man fühlt sich schon fast heimisch.

Eines wollte ich aber doch noch erwähnen. Das afghanische Kreditkartensystem. Brot ist hier billig, kostet nicht mehr als 15 Cent. Und wer hier in einer der unzähligen Bäckereien Brot kauft, der kann ein Zettelchen mit seinem Namen in eine Box werfen. Erst nach dem zehnten Einkauf oder so wird bezahlt. Kreditsystem und Kundenbindung optimiert!

Fehlt noch der traditionelle Besuch beim Apotheker. Kein Witz - aber langsam bin ich mein eigenes Lazarett. Heute Vormittag habe ich mir den Kopf massiv beim betonierten Türbalken am Eingang zur Höhlenschule gestoßen und später das Knie beim Abspringen von einem herumliegenden Sowjetpanzer verletzt. Den Kopf hatte ich mit mit einem selbst gebastelten Turban notdürftig versorgt, aber mein Apotheker hat natürlich die bessere Behandlung. Das Grinsen im Gesicht des Apothekers als ich gegen 17.30 Uhr die Apotheke betrat: unbezahlbar.

P.S.: Ums kurz zu machen, die Provision für mein Matchmaking konnte ich noch am Abend abschreiben. Dafür saß die Dame dann am nächsten morgen neben mir im Flieger ;-)