Dienstag, 9. Mai - Bansd e Amir 

Same Procedure as every Day

Ich komme gerade aus der Apotheke von Bamyan. Ein kleines Hüttchen, halb so groß wie ein Garagencontainer. Doch der Apotheker oder welche Ausbildung auch immer der alte bärtige Mann hat und ich sind mittlerweile Freunde geworden. Denn ich bin seit gestern Stammkunde. Was war geschehen?

Im Bamyan Tal gibt es unzählige Festungsanlagen, die teils 1500 Jahre alt sind. Auf irgendwelchen Bergspitzen gelegen, im Laufe der Jahre zerstört, verwildert und teils auch ansatzweise wieder restauriert. Und vor allem nur mit gewissen Kletterkünsten erreichbar. Denn bei den steilen Geröllwegen kann es nach drei Schritten vor auch schon mal wieder einen Stock tiefer gehen.

Zwei dieser Festungen hatte ich mir ausgesucht. Das rote Fort in den Außenbezirken, auch wegen der auf die rötlichen Felsen schimmernden Sonne Rotlichtviertel genannt und die City of Screams ganz in der Nähe des Hotels. Hier hatte vor 700 Jahren ein gewisser Ghengis Khan gewütet und alles was zwei Beine hatte und laufen konnte umgenietet. Das Niedermetzeln von unbescholtenen Einheimischen hat bei den alten Mongolenherrschern ja Tradition. 

Jedenfalls sind meine Kletterkünste etwas eingerostet und so ging es desöfteren einen Stock tiefer. Und da ich mehr Angst um Handy und Kamera hatte als um mich, waren am Abend doch einige Blessuren und Schürfwunden zu verzeichnen. Nun sind die Zentralasiaten in Punkto Medizin keine Anfänger, man erinnere sich nur an den Spielfilm Der Medicus. Der Apotheker sah auch irgendwie aus wie ein Gelehrter. Allerdings mit einer extrem platten Nase, die hoffentlich, so dachte ich, nicht von unzufriedenen Kunden kam.

Doch weit gefehlt. Mein afghanischer Medicus hatte schnell die richtige Rezeptur an Salben zusammengemixt. Mullbinden brauchte er keine, dafür habe ich jetzt überall rote Flecken von dem Zeugs, was er mir auf Arm und Bein geschmiert hat.

Heute gönne ich mir einen Ausflug zu den Seen von Band-e Amir, rund 70 Kilometer von Bamyan entfernt. Die Anfahrt über ein windiges Hochplateau geht fix dank der neu asphaltierten und wohl aus EU Mitteln bezahlten Straße. Nur die letzten Kilometer geht's über eine Buckelpiste an schneebedeckten Gipfeln vorbei. Einfach nur der Wahnsinn - das Panorama. Und dieser Wahnsinn steigerte sich noch mit Blick auf die türkisblauen und kristallklaren Seen im Nationalpark von Band e Amir. Irgendwie wie von einem anderen Planeten, aber im Panorama der 5000er unbeschreiblich.

Die touristische Infrastruktur ist bescheiden, aber ausreichend. Picknickplätze und der Clou: knallbunte Schwanentreetboote. Was lag da näher als eines zu mieten, quer über den See zu strampeln und die kleinen Wasserfälle am Überlauf zu beobachten. Und wenn man nicht aufpasst, dann landet man schwups wie ein Papierschiffchen, das in einem randvollen Bottich überschwappt im Nirwana.

Soweit kam es allerdings nicht. Zwischen den Seen führen recht unwirtliche und glitschige Wanderwege durch die Landschaft. Und man kann es sich schon denken - auf einem Abschnitt bin ich ausgerutscht und kopfüber in den Bach gefallen.

Zurück in Bamyan klopfe ich daher an der gleichen Tür wie gestern, nämlich bei meinem Apotheker. Als er mich sieht, lacht er sich schlapp und denkt vermutlich an denn Running Gag von Dinner for One: Same procedure as last day? Und in meinen Augen erkennt er meine Antwort: Same procedure as every day, James!

P.S. Zu allem Übel erzählt mir der Fahrer, dass er hoffnungslos in eine Amerikanerin verliebt ist. Sie sei gerade in der Stadt. Allerdings traut er sich nicht, sie anzusprechen. Hier ist ganz klar der Dorn-Assenheimer Kerbpfarrer gefragt. Ab morgen: Holgers Afghan Dating Service