Montag, 8. Mai - Bamyan

Afghanische Farbenlehre

Müde. Ein weiteres Mal gings heute um vier Uhr raus. Und zwar um, so die Hoffnung binnen 6 Stunden in Bamyan zu sein. Bamyan hat bzw. hatte wohl die bekannteste Attraktion Afghanistans, aber dazu später. Zudem ist das Gebiet mit Schiiten bevölkert und daher etwas sicher als der Rest des Labdes. Auch ragen hier die schneebedeckten 5000er in den Himmel.

Nur muss man erst mal hinkommen, denn die 200 Kilometer haben es in sich. Also nichts wie los zu einer anstrengenden, aber eindrucksvollen Tour durch die Gebirgslandschaft. Über zwei 3000er Pässe, an Flüssen und Bächen entlang. Alles ist grün, blüht doch Afghanistan besonders im Frühling auf. an deren Ufern Getreidefelder gediehen. 

Der Fahrer war aus Kabul und kannte sich genau so wenig aus wie ich. Wegweiser waren ohnehin nicht zu finden und da kann man sich schon mal verfahren. Natürlich kann man immer Leute fragen, aber die weisen lieber auf einen falschen Weg hin, als zuzugeben, sich verfahren zu haben. Die Wegstrecke ist zudem im ersten Abschnitt unsicher, da die Taliban hier noch einige Orte unter Kontrolle haben.

Insofern habe ich mich immer an den Farben der Flaggen an den Häusern orientiert. Deshalb zunächst eine kleine afghanische Farbenlehre. Rot oder grün bedeutet keine Gefahr, wenn die weiße Flagge weht, sitzt ein Taliban im Bürgermeistersessel. Und bei schwarz ist eh finito. Das ist der IS, der sich in der Regel erst gar nicht mit Formalitäten aufhält. Aber die schwarzen Freunde sind in dieser Gegend eigentlich nie anzutreffen. Lustig wird's nur, wenn in den rot-grünen Dörfern jemand die weiße Wäsche raushängt. Das hat hier schon zu Verwirrungen geführt bis zu dem Vorfall, dass Leute irrtümlich als Taliban erschossen wurde.

Dazu kommt noch, dass die Taliban Meister im Bauen selbstgebastelter Bomben sind. Diese werden dann auf diversen Straßen verbuddelt und per Handy ferngezündet, so dass dann quasi regelmäßig schon mal das eine oder andere Fahrzeug in die Luft fliegt. Deshalb sollte man eigentlich drei Sachen nicht machen. Lieber später losfahren, Gebirge meiden und - so das UNO Handbuch - am besten immer mit 130 Stundenkilometern über die Straßen brettern. Nun ja: es war früher Morgen, ich bin mitten im Hindukusch und wir man auf den engen Straßen 130 fahren soll, ist nicht nur mir ein Rätsel. Folglich sind alle Voraussetzungen für eine spannende Fahrt gegeben. 

Zudem hat über Nacht ein Sturm gewütet, Meterhohe Bäume entwurzelt und so die Straßen teils unpassierbar gemacht. Der Vorteil dabei ist, dass die Taliban letzte Nacht keine Bomben verbuddeln könnten, der Nachteil dagegen, dass die Fahrt doch fast 10 Stunden dauerte.

Egal. Am Nachmittag angekommen, habe ich gleich volle Sicht auf die eindrucksvolle Felswand mit den leeren Buddha-Nischen. Hier, wo bis 2001 die Buddhas aus dem 3. und 4. Jahrhundert gestanden hatten, der eine 36m, der andere 53m hoch. Natürlich hatten die Taliban in Form des Dorfmullahs Omar, der dich dann zum Chef des Gottesstaates hochgebombt hatte, auch hier ihre eigenen Vorstellungen von Landschaftsgestaltung. Neben den beiden größten Statuen wurde auch gleich alles andere nichtislamistische Kulturgut der 1500 Jahre alten Klosteranlage dem Erdboden gleichgemacht. 

Den restlichen Tag nutzte ich eigentlich nur dazu, in der Felswand der verschwundenen Statuen herum zu klettern. Neben den Statuen waren Treppen in den Fels gearbeitet worden, so dass man bis oben hinauf steigen und tolle Fotos auf die 5000er Gipfel schießen konnte. Eine Tourismusstudentin - so was gibt es in der Tat - erzählt, dass es zur Zeit drei Restaurierungsvorschläge gibt. Rekonstruktion beider oder nur einer Statue oder eine Laseranimation. Das funktioniert allerdings nur im Dunklen und mit dem Strom ist es hier auch nicht so dolle. 

P.S.: Konversation am Abend auf dem Basar von Bamyan. Verkäufer: You want book? - Ich: No, thank you. - Er: Which one?