Sonntag, 7. Mai - Herat

Kamel mit Brille 

Herat ist ganz anders als Kabul. Es gibt keine Staubwolken, keine Schlaglöcher, keine Müllhaufen und auch keine zerstörten Häuser. Vor allem aber ist Militär und Polizei nur da, um da zu sein. Oder um mit mir einen Souvenirladen zu ruinieren. Denn die zweitgrößte Stadt des Landes ist unter Kontrolle der Regierung, der IS und die Taliban weit weg. Und damit auch der Terror. Ja - es gibt sie, die sicheren Landesteile in Afghanistan, von denen so mancher in Deutschland nichts wissen will, wenn es um die Asylthematik geht.

Zunächst werde ich ins Kriegsmuseum geschleppt. Die von den Mujaheddin unterhaltene Anlage beherbergt blitzblank gewienertes Militärgerät und die Bilder aller Führer und Märtyrer der Kriege gegen die Sowjets und Taliban. Allerdings auch ein bisschen Little-Nordkorea. Mit martialischer Musik untermalt wird der Kampf gegen die sowjetische Invasion auf einer Art Drehbühne geschildert. Für meinen Eindruck und im Gegensatz zum Vorbild in Pjöngjang durchaus differenziert. Vor allen Dingen erfährt man, warum sich in der Folge große Teile der Bevölkerung religiös radikalisiert und militarisiert haben. Die Sowjets wollten den Kommunismus mit aller Gewalt einführen, der mit dem Islam nicht vereinbar ist. So wurde die überwiegend konservative Bevölkerung in die Arme des entstehenden Widerstands getrieben. 

In Herat gab es trotzdem eher wenig Auseinandersetzungen, zumal der Gouverneur von dem vielen Geld, das er durch Schmuggel mit dem Iran verdiente, immer auch in die Infrastruktur investierte.

Geschlafen hatte ich die erste Nacht kaum, denn Bett war offensichtlich für Fakire gemacht - nur ohne Nägel. Aber dafür steinhart. Jetzt könnte ich einen von den Suffis in Samangan gebrauchen. Denn deren Dope soll ja bekanntlich gegen jegliche Form von Schmerzen helfen. 

Egal. Heute war nach einem Abstecher zu einer Galerie und dem Herat Fort Basar-Tag angesagt. Hier kann ich in aller Ruhe bummeln. Eine wahnsinnige Atmosphäre und nicht vergleichbar mit dem, was ich bisher in Afghanistan gesehen habe. Einfach mal mit den Einheimischen treiben lassen. Die Leute sind an jedem Schwatz interessiert und wollen ihre Waren an den Mann bringen. Bei mir als Tourist sind das allerdings eher die Teppich- als die Haushaltswarenhändler. Hier müssen auch die Kleinen mitarbeiten und so entstehen viele Impressionen von Bäckereien, Webereien, Tuch- und Eisenwarenhändlern. Besonderer Blickfang sind die bunten, verzierten koffergroßen Schmuckkästen.

Natürlich lande ich auch im Burka Shop. Mit blauem Neonlicht wird hier die ebenso blaue Burka für 20 bis 30 Dollar angeboten. Da die unhandliche Kleidung nur ein kleines Sichtfenster zulässt, frage ich mich, wie die Damen hier überhaupt einkaufen wollen. Denn eins ist klar: hinter dem Tresen arbeiten nur Männer und davor stehen die Damen und shoppen.

Nach zwei Stunden habe ich zwar nichts gekauft, aber in einem 370 Jahre alten Teehaus Tee getrunken. Der Besitzer macht den Job schon seit rund 70 Jahren und freut sich, nach Jahren wieder mal ein nicht-afghanisches Gesicht zu sehen. Bevor ich in die Gasse mit den Goldläden abbiege, noch ein besonderes Erlebnis.

Irgendwie stinkt es auf einmal bestialisch. Ich gehe meiner Nase nach, öffne eine Tür und sehe: Ein Kamel mit Brille. Das Tier trabt tagein tagaus im Kreis herum und läuft sich Plattfüße, sprich Platthufen.   Und der Sinn des ganzen? Über eine Spezialkonstruktion werden so Sesamkörner gemahlen und Sesamöl gewonnen. Und damit das Kamel weder einen Drehwurm bekommt, noch sich das tägliche Elend dieser Dauerkarusellfahrt anschauen muss, setzt man ihm kleine Dosen aufs Auge. Ich stelle mich daneben und frage: Wer hat nun die schönste Brille auf.

Am späten Nachmittag gehe ich nochmals zum Souvenirshop, den ich gestern etwas unfreiwillig aufgeräumt hatte. Im Laden stehen drei bärtige Männer mit Gewehren, deren Anblick eine ganze US-Panzerdivision in die Flucht geschlagen hätte. Soll ich rein oder nicht, überlege ich mir noch kurz, da auch ich weiteren Ärger vermeiden wollte. Allerdings hatte der Besitzer zu Recht eine Rechnung mit mir offen, auch wenn diese bestenfalls auf Plunder plus Mehrwertsteuer hätte lauten können. Und Mehrwertsteuer zählt hier eh keiner. Als ich nach den Kosten frage, lachen sich die Männer einen ab. Das habe man den Militärs in Rechnung gestellt. Die zahlen hier öfters. 

Ohne zu fragen warum, verschwinde ich um die Ecke. German People - good People, ruft einer hinterher. Afghan People, denke ich mir, das sind die Leute von der Kabul-Mannheimer - in Fragen der Haftpflicht immer kundenorientiert.

P.S.: Im Herat Fort begegne ich einer Schulklasse. So 6-8 jährige Kids. Statt "give me five" kommt "take One", nämlich einen Tritt vors Schienbein. Der Junge wollte mir seine Karatekünste demonstrieren.