Samstag, 6. Mai - Herat

Full House

Vom Flughafen Herat führt eine doppelspurige Straße ins Stadtzentrum. Man merkt sofort, die Stadt hat sich modern eingerichtet, ein Hauch von Iran ist an der nahen Grenze sofort spürbar. Kleine Geschäfte links und rechts, es ist bereits Abend und alles bunt beleuchtet. 

Überhaupt scheint hier alles sehr grün zu sein. Und dass der Freizeitwert in Herat nicht unbedeutend ist, realisiere ich beim Blick von einem Restaurant auf einem der umliegenden Hügel. Von weitem sieht man einen Vergnügungspark in allen Farben leuchten. Morgen will ich da hin, denke ich beim Weg ins Hotel. 

Hierbei muss sich der Fahrer allerdings noch etwas gedulden, ist doch der Restaurantbesitzer gleichzeitig auch der Chef des hiesigen Schnaps- und Bierschwarzmarkts. Die Grenze nach Turkmenistan ist nicht allzu weit und gesoffen wird in den alten Sowjetrepubliken ja immer noch wie zu Gorbatschows Zeiten. Allerdings sind die Gewinnspannen auf dem rund einstündigen Weg exorbitant.

Die Dose Bier 10 Dollar und die Büchse Whisky-Flavor für stolze 25 Dollar laden nicht gerade zum Verweilen ein. Immerhin sind die ebenfalls im Angebot befindlichen Kalaschnikows mit einem Verhandlungspreis von 1000 Dollar relativ günstig. Allerdings löschen Kalaschnikows keinen Durst. Es sei denn, man überfällt damit einen turkmenischen Schnapsschmuggler.

Doch, so mein erster Gedanke, in hiesigen Region wird ja gerne gehandelt. Die Chancen stehen gut, denn internationale Konkurrenz muss ich nicht fürchten. In Herat gibt es kaum Ausländer, selbst das US Konsulat hat vor wenigen Jahren mangels Beschäftigung die Segel, sprich die Stars & Stripes Flagge gestrichen. Machen wir es kurz, auf den Fake Whisky habe ich verzichtet, dafür hat ein Sixpack immerhin eisgekühltes Amstel Bier den Besitzer für stolze 18 Dollar gewechselt.

Frühmorgens geht's in die Innenstadt. Als erstes fallen die vielen kleinen Tuk Tuks auf. Dreirädrige bunte Gefährte, die sich durch den im Vergleich zu Kabul relaxten Verkehr drängen. Ganz cool wird es, wenn hinter den Vorhängen noch Frauen mit Burka und kleinen Kindern rausschauen. Hinten finden sich überall Gitarren. Für ein Land, dass eher traditionellen Instrumenten als Hard Rock Konzerten frönt, ein Rätsel, das ich den ganzen Tag über nicht lösen konnte. Die abenteuerlichsten Gefährte sind aber die Mopeds, auf denen ganze Familien sitzen. Vater fährt, der Sohn auf dem Tank und als Krönung die Burka-verhüllte Mutter. Dabei staune ich nicht schlecht, als unter einer dieser unhandlichen Kleidungsstücke beim gezielten Windstoß High Heels und Röhrenjeans zu entdecken sind.

Die blaue Moschee ist natürlich der erste Stopp, allerdings finden sich hier nur eine Handvoll Kinder, die einen westlichen Touristen wie den Mann vom Mond mustern. Überhaupt sind die türkisfarbenen Moscheen eigentlich keine Moscheen, sondern Schreine, wo irgendjemand irgendwann vergraben wurde und nun analog heimischer Sitten angebetet wird.

Nebenbei besuche ich auch noch eine Koranschule, wo bärtige Lehrer sechs- bis achtjährigen Schülern den Koran vor- und rückwärts vorbeten. Meine Neugier ist dermaßen unermesslich, dass mich der Chef des Hauses zum allerdings wenig erfolgreichen Crashkurs in Sachen Koran einlädt. Der Knackpunkt dabei: irgendwie habe ich versucht, den Satz mit dem verbotenen Alkohol zu streichen, konnte mich aber lediglich darauf einigen, dass wir uns in der Frage eben nicht einigen konnten. Schade.

Bevor ich hier noch von unzähligen Schreinen erzähle, die ich im Uhrzeigersinn abgeklappert habe, zum Abschluss des heutigen Blogs noch ein Klassiker, wie er eigentlich nur mir passieren kann. Tatort: Souvenir-Shop.Viele Souvenirläden habe ich noch nicht in Afghanistan gesehen, also habe ich die Gelegenheit sofort genutzt und bin in einem Schuppen gelandet, dessen Besitzers Konterfei einst den Lonely Planet zierte. Nämlich als es noch einen über das Land gab.

Im Laden gibt es jede Menge Plunder, massenhaft blaue Glasbläserarbeiten und jede Menge ausgemusterte Gewehre. Und als ich gerade mit einem Gewehr herumspielte, stürmte Militär den Laden. Wie im Affekt verstand ich nur noch Hände hoch, und hielt dann eben auch die Hände samt Gewehr hoch. Dumm nur, dass ich mit meiner Waffe das ganze an der Decke baumelnde Glasgebläse abräumte, das - wenn schon, denn schon - gleich in die Kiste mit den zum Verkauf angeboten Glasbechern purzelte. Alle Neune, Schach matt oder Full House - sucht euch was aus. Und wenn Scherben wirklich Glück bringen, dann muss ich mir für die nächsten zehn Jahre keine Sorgen mehr machen. 

P.S.: Was die halbe Polizeigarnision im Souvenirladen wollte, habe ich an Ort und Stelle auch noch erfahren. Touristen dürfen hier nicht so einfach rumlaufen. Vor Jahren wurden zwei Polen von Taliban erschossen. Versehentlich- die dachten, es wären Deutsche.