Freitag, 5. Mai - Kabul & Herat 

Ausnahmezustand 

Zurück in Kabul. Einen Tag nach dem Anschlag auf einen ISAF Konvoi. Die Stadt ist im Belagerungszustand. Der Weg vom Flughafen führt an der US Botschaft vorbei genau zu der Uhrzeit als gestern der IS zuschlug. Und auch der Anschlagsort ist ganz aus der Nähe zu sehen. Wer noch nie ein von einer Bombe zerstörtes Auto gesehen hat: es ist ein schwarzer verkohlter Haufen Schrott. 

US Panzer demonstrieren Stärke und kurven in der der Stadt herum. Zumindest in der Botschaftsgegend, aber die umfasst ja die halbe Stadt. Ähnlich der ehemaligen US Vertretung in Teheran sind die Wandgemälde einen Schnappschuss wert. Doch bevor ich überhaupt die Linse in Stellung bringe, bekommt der Fahrer einen Herzinfarkt. Um Himmels Willen keine Fotos, weder von der Botschaft noch von den Panzern. Das sieht doch keiner, entgegne ich und bekomme zur Antwort. Das sind Scharfschützen, die schießen dir ohne Vorwarnung und die Kamera. Keine Sorge, verweise ich auf mein I-Phone, die zerschießen doch kein Gerät von Apple. Die Antwort: so scharf sehen die Schützen auch wieder nicht.

Ohne hin ist heute kein guter Tag, um einen Stopp in Kabul einzulegen. Einerseits sind die Kontrollen in den Tagen nach einem Anschlag streng, man traut sich quasi gar nichts. andererseits erhält Kabul heute hohen Besuch. Mudschaheddin Führer Hekmatjar hat mal wieder die Fronten gewechselt und ist auf Kurs der afghanischen Regierung. Folglich trifft er sich ausgerechnet heute mit dem Präsidenten. Gefolgt von 400 Bodyguards. Für mich heißt das: heute ist Alarmstufe Dunkelrot! 

Bei jedem Konvoi, der plötzlich hinter einer Kurve auftaucht stockt selbst mir der Atem. 21, 22, 23 ... nix passiert, Glück gehabt. Kabul besteht eigentlich nur aus irgendwelchen Sicherheitszonen. Und dazwischen betet man, nicht irgendwie im Stau stecken zu bleiben. Die Staus hier, ich hatte es schon mal erwähnt, sind kolossal. Für jeden Deppen werden ganze Straßenzüge gesperrt und der Rest fuchtelt mit unterschiedlichstem Schießgerät herum, um sich Vorfahrt zu verschaffen. Da heute die ganze Prominenz unterwegs ist und ich weder Gewehr noch Munition dabei habe, kommen wir im Schneckentempo voran. Nicht zu vergessen, bei den locker 33 Grad Außentemperatur und den afghanischen Klamotten, die ich immer noch tragen muss mutiert das Auto zum Brutkasten. Klimaanlage Fehlanzeige.

Überhaupt: Gefährlich ist in Kabul nur noch der IS. Der tötet mittlerweile mehr Taliban als Donald und die afghanische Regierung zusammen. Der Grund: die Oberhoheit über den Widerstand zu erlangen. Dabei rekrutiert der IS hochqualifiziertes Personal. Geld scheint kein Problem zu sein. Doch warum dich jemand mit guter Ausbildung den allerextremsten Islamisten anschließt und sich quasi nach bestandenem Examen ins Jenseits befördert ist zumindest mir ein Rätsel. An den 77 Jungfrauen wird's bestimmt nicht liegen.

Trotz allem habe ich heute noch ein schönes Stück in Kabul herumgestöbert. Da ist das Kabul Fort, das man nur von außen besichtigen kann, weil drinnen der Geheimdienst sitzt. Die Lage an einem See und bebauten Berghängen war den Abstecher aber wert. Das Königsschloss wurde im Bürgerkrieg öfters bombardiert, doch hat sich bis heute niemand gefunden, den Schotter wegzuräumen. Ich denke, die Firma Lindt sollte sich diesen lukrativen Auftrag sichern.

Das beste heute war die Blaue Moschee, die allerdings auch vor kurzem Ziel eines Anschlags mit über 70 Toten was. Das Problem: hier treffen sich Sunniten und Schiiten und das mögen die radikalen Sunniten eben nicht. Wäre ja quasi ein ökumenischer Gottesdienst. Da kann man schon mal per Smartphone Klick die halbe Gemeinde in die Luft sprengen.

Auf dem Rückweg ein Blick in die Taunusstraße von Kabul. Hier trifft sich die Kiffergemeinde der Hauptstadt. Aber nicht in schicken Höhlen wie im nördlichen Balkh, sondern mitten auf der Straße unter Woll- und Plastikdecken versteckt. Vielleicht sind die Decken auch nur dazu da, damit die Pfeife nicht ausgeht. Wer weiß. Angesichts der jüngsten Ereignisse in nordafghanischen Räuberhöhlen halte ich mich extrem fern.

Zum Trip ins westliche Herat steige ich nochmals in den Flieger. Flüge sind hier günstig, doch die Klapperkisten uralt. Einen Langstreckenflug würde ich hier nicht buchen.

Auf dem Flughafen von Kabul treffe ich Abdullah. Er spricht grottenschlechtes Deutsch und wurde gerade aus Deutschland abgeschoben. Wie er überhaupt nach Deutschland gekommen ist, wollte er mir nicht verraten oder konnte sich nicht ausdrücken. Über ein Jahr hat er in Stuttgart gelebt und ist jetzt auf dem gleichen Weg wie ich - nämlich zu seiner Familie nach Herat. Ich will natürlich nur nach Herat, nicht zu seiner Familie. Und so ergibt sich ein doch merkwürdiges Bild: Ein 19-jähriger Afghane in westlichen Klamotten neben mir als Europäer, dem man aus Sicherheitsgründen einen afghanischen Kaftan oder wie das Outfit hier heißt übergestülpt hat.

P.S. Beim Einchecken in Herat hab es ein Sicherheitsbriefing im Hotel. Wenn das Hotel angegriffen wird und man gerade im Zimmer ist, dann sofort unter dem Bett verstecken. Ich weiß zwar nicht, wer von Euch schon jemals unter einem afghanischen Zwei-Sterne-Hotel-Bett gelegen hat. Aber ich kann versichern: die Begegnung mit den Taliban oder dem IS dürfte deutlich angenehmer sein.