Donnerstag, 4. Mai - Balkh

High Noon

Der heutige Tag verlief nicht ganz so wie geplant. Wobei außer der Tatsache, die Nordprovinz Balhk zu erkunden eigentlich nichts auf dem Plan stand. Während Mazar e Sharif die heutige Hauptstadt ist, nahm die Stadt Balhk diese Funktion früher wahr. Irgendwann wirtschafteten die Clans dann die Infrastruktur herunter und Mazar wurde das neue Zentrum. Eigentlich wieder eine Gelegenheit das dörfliche Leben mit wenig Verkehr und seinen wuseligen Märkten leben zu lernen. Angesicht der jüngsten Vorfälle war allerdings höchste Vorsicht geboten.

Dass ich diese Vorsicht hätte ganz anders handhaben sollen, wusste ich erst am späten Nachmittag. Doch danach ist man immer klüger. 

Dem einen oder anderen wird Afghanistan noch als Opiumparadies der 60er und 70er bekannt sein. Die magischen drei K, nämlich Kabul, Kathmandu und irgend ein Nest in Mali zogen kniffende 68er damals magisch an. Seitdem ist nur der eingefleischte Kenner der Szene mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut. Ich gehörte jedenfalls nicht dazu. Nach einigen tollen Schnappschüssen in Balhk steuerten wir eine Ruine an, vormals wohl eine Moschee. Witzlos das ganze, wären wir da nicht in eine benachbarte stockdunkle Kaschemme gelockt worden.

Man kennt ja irgendwie die alten Schoten von ewig kiffenden bärtigen Männern in dunklen Gemäuern, gemeinhin auch Opiumhöhlen genannt. Ich stecke den Kopf reinige traue meinen Augen nicht. Da sitzen zwei Suffis, alte Männer, die einer eigenen Form des sunnitischen Islam nachgehen. Irgendwie erinnert mich das Bild an die koksenden Shadus in Katmandu. Die sitzen auch nur den ganzen Tag herum und ziehen sich Hasch und Opium um die Wette rein. Nur dass die Shadus ausschließlich dem Eigenkonsum frönen, während die afghanischen Kollegen eine Art Coffee-Shop betreiben, in denen der Wirt nicht alles, aber doch das meiste Konsumiert. Voraussetzung zum geselligen Beisammensein ist zwar die Religionszugehörigkeit, aber so genau wird das nicht genommen. Und so trifft man sich in lockerer Runde, um sich der Haschernte aus dem Vorgarten oder der Erzeugnisse der benachbarten Opiumplantage zu erfreuen.

Opium soll gegen Schmerzen helfen, wird mir erklärt. Dem Konsum hier zu urteilen, müssen die Schmerzen unermesslich sein und auch schon wenige Jahre nach der Einschulung eingetreten sein. Es qualmt wie in einem Braunkohlekraftwerk. Nach rund einer halben Stunde und allerlei Hokuspokus der greisen Coffee Shop Betreiber verlasse ich die Hütte und fühle mich, als hätte ich frühmorgens bei 35 Grad zwei gut gefüllte Gläser Whisky getrunken.

Wenig später Stopp in einem kleinen Dorf. Schöne Aussicht, neugierige Dorfbewohner und - wer hätte es gedacht: natürlich eine Einladung in die örtliche Räuberhöhle - äh Opiumhöhle. Der Raum war größer und gut und gerne fürs halbe Dorf gedacht. Was aber die dortigen Suffis nicht daran hinderte, abermals für einen Qualm zu sorgen, der London im Nebel als kleine Eintrübung erscheinen lässt. Auch hier wird die Haschpfeife mit allerlei Brimborium zur Höchstleistung gebracht. Die Suffis laufen zur Höchstform auf und versetzen auch derart in Trance, dass das Jenseits offensichtlich wirklich nicht mehr weit sein kann. Ich verweile hier ebenfalls ein halbes Stündchen und komme mir nunmehr vor, als hätte ich nach den zwei Whisky bei 35 Grad noch eine halbe Kiste Licher getrunken. High Noon oder High um 12 Uhr mittags.

Ich weiß nicht, warum und wie wir bei unserer Wanderung noch in Pub Nummer 3 gelandet sind, aber - so wurde mir berichtet - habe ich schon beim bloßen Betreten der Hütte in einer Ecke die Sinne verloren. Irgendwie habe ich es dann doch noch zum Auto geschafft. Und um bei den zahlreichen Kontrollen nicht aufzufallen, ist dem Fahrer anscheinend nichts besseres eingefallen, als mir eine Decke über den Kopf zu ziehen. 

Das Gefühl beim wieder zu sich kommen ist unbeschreiblich: ich dachte sofort, jetzt haben dich die Taliban. Noch unbeschreiblicher war das Lachen des Fahrers, als er mir sagte, ich hätte mir die Decke selbst über den Kopf gezogen. Wegen der Taliban.

P.S.: Und was sagt uns die Geschichte? Auch Passivrauchen gefährdet die Gesundheit und lässt die Sinne schwinden. Zu Risiken und Nebenwirkungen finden Sie aber garantiert keine Packungsbeilage. Deshalb fragen Sie Ihren örtlichen  Suffi oder den Betreiber der nächsten Mohnplantage.