Mittwoch, 3. Mai - Mazar e Sharif & Samangan 

Un-Happy Birthday

Aus aktuellem Anlass zunächst wieder eine Notiz aus Kabul. Dort hat sich heute morgen offensichtlich ein Anschlag ereignet. Leider gehört es zum Bild dieser Stadt, dass Bombenattentate an der Tagesordnung sind. Allerdings sind das Ziel in der Regel nationale Institutionen wie Behörden, die Polizei oder das Militär. Oder eben wie heute die ein Konvoi der ISAF auf dem Weg zur amerikanischen Botschaft. Traurig ist daran nicht nur die Tatsache selbst, sondern dass ausschließlich Unbeteiligte, nämlich Leute auf dem Weg zur Arbeit zu Schaden gekommen sind. Die ISAF Fahrzeuge sind in der Regel gepanzert.

Ich bin aber seit gestern Abend nicht mehr in Kabul, sondern in Mazar e Sharif im Norden des Landes. Und heute habe ich gelernt, dass im Islam nicht nur der Genuss von Alkohol, sondern auch der Vertrieb verboten ist. Und da es hier keine Nichtmuslime gibt, gibt es auch nichts dergleichen zu trinken. Soweit die Theorie.

Gestern traf ich im Hotel einen Mitarbeiter der deutschen Administration. Die Region um Mazar und Knuduz wurde bis zum Truppenabzug von der Bundeswehr kontrolliert und noch heute sind hier viele Militärs, um die afghanische Armee zu unterstützen. Leider war auch eines dieser Camps, in dem sich viele Deutsche aufhalten, kürzlich von einem Anschlag größeren Ausmaßes betroffen Aus gutem Grund halte ich daher auch alles auf die Person hindeutende aus meinem Blog und damit der Öffentlichkeit raus.

Natürlich haben wir über den Anschlag gesprochen, aber einige generelle Worte waren doch bemerkenswert. Der Einsatz deutscher Soldaten am Hindukusch hätte nicht Ballzuviel gebracht. So zeigt der tägliche Kampf um Kunduz einmal mehr, dass die Taliban wieder auf dem Vormarsch sind und die Wallords von gestern wieder alle Macht in Händen halten. Abseits der Zentralregierung in Kabul haben die Leute hier wenig Unterstützung zu erwarten.

Ich hatte einen anderen Eindruck, entgegne ich, doch die Stadt scheint in der Tat eine wohltuende Ausnahme im Chaos dieses Landes zu sein. Auch kommen die bewaffneten Kämpfer nicht von irgendwo her, sondern stammen aus den umliegenden Orten und sind mit Kalaschnikows und Panzerfäusten bewaffnet. Taliban - das sei nicht immer nur eine Überzeugung, sondern nichts anderes als ein Job. Glaubst Du, so mein Gesprächspartner, dass alle Soldaten hier ausgewiesene Nationalisten sind. Nein - das ist auch ein Job.

So war ich nicht nur etwas klüger, sondern auch am Ende weniger durstig. Denn zwischendurch hatten wir zwei Dosen feinstes Bavaria Biel geleert.

Kommen wir aber zurück zu Mazar. Das quirlige Städtchen im Norden ist mein zweiter Schwerpunkt. Im Vergleich zu Kabul ist Maraz wirklich gut zum Leute beobachten. Die bärtigen Männer, die Frauen in ihren blauen Burkas. Viel Markttreiben, aber allem Ansachein nach ein normales Treiben. Die Märkte sind voll mit Menschen, aber überall bettelnde Fraunem und viele Kinder die mir die Turnschuhe putzen wollten. 

Um sechs Uhr Morgens ging es schon aus den Federn zum Schrein von Mazar, auch als blaue Moschee bezeichnet. Ist aber keine Moschee, sondern ein Schrein. Auch wenn man diesen nicht besichtigen kann, ist das Areal fantastisch. Alles in blauen und Türkisen Steinen gehalten, der Zauber von Buchara und Samarkand wird hier lebendig. Eins, zweimal geht es um die Moschee herum, immer wieder Kinder, die unzählige Sachen anbieten und denen ich ein Give me Five anbiete. Auch viele Studenten die ihr Englisch an mir ausprobieren wollen.

Zudem wollte ich heute die Provinzen Balg und Samangan unter die Lupe nehmen. Also ging es nach der blauen Moschee rund 300 Kilometer hin und zurück zu einem Jagdschloss des ehemaligen Königs und einigen Höhlen in der Region um Samangan auf dem Programm. Letztere sind, soweit ich mich noch erinnern kann, über 1500 Jahre alt und huldigten früher mit ihrem Statuen Buddha. Leider haben die Taliban auch diese zerstört, so von der tollen Landschaft abgesehen eigentlich nicht mehr allzu viel zu sehen ist.

Dafür hat das Städtchen einen kleinen Markt, in dem die Zeit stehen geblieben zu scheint. Schuster, Schmiede, Töpfer oder Teppichknüpfer bieten hier wie vor über hundert Jahren ihre Waren an. Einzig allen unterbrochen von schicken bunten dreirädrigen Minitaxen und einem fortwährenden Happy Birthday Gedudel. Mit dem preist sich nämlich hier der Eismann an. Angesichts der ersten Zeilen heute allerdings ein Umhappy Birthday.

Die Höhen selbst sind wie gesagt eigentlich nicht der Rede wert. Aber als ich in eine Höhle ging, waren da gerade ein paar Jungs mit Rhythmusinstrumenten und brachten bei einer grandiosen Akustik Stimmung in die doch eher langweilige Bude. Zumindest ist es mir noch gelungen ein kurzes Video zu drehen, denn allzu lange sollte man sich in Afghanistan als Fremder nicht an einem Ort aufhalten. Es könnt ja sein, dass da seit Wochen ein Taliban wartet, der sich im dann entscheidenden Moment auf einen wesentlichen Punkt seiner Stellenbeschreibung konzentriert - nämlich das Entführen ortsfremden Urlaubsgästen.

P.S.: Interview im Park der Moschee. Ein Student: Wir können ja mal skypen. Ich: Kann bei dem Netz schwierig werden. Der Student: Glaubst Du, wir haben in Afghanistan kein richtiges Internet. Ich: Ihr vielleicht schon, aber wir in Dorn-Assenheim nicht.