Dienstag, 2. Mai - Mazar e Sharif 

Sexbomben

Das Nachtleben in Kabul ist schnell abgehakt. Es gibt nämlich keins. Bis zum Jahr 2010 oder 2011 wurde zumindest in den großen Hotels oder einschlägigen, von westlichen Militärs oder Journalisten frequentierten Kaschemmen Alkohol ausgeschenkt. Seitdem ist die Regierung den konservativen Kreisen im Lande allerdings deutlich entgegengekommen, und Kabuler Wirte sahen sich fortan öfter hin der schwedischen Gardinen als hinter afghanischen Tresen. Was dann für mich auch  nichts anderes bedeutete, als den ganzen Tag auf dem Trockenen zu sitzen. Es sein denn, man will den Abend bei joghurthaltigen Getränken und irgendwelchen, mit kiloweise angezuckerten heimischen Softdrinks verbringen.

Gut vorbereitet hatte ich mich schlau gemacht und mich schon vorab nach dem Schwarzmarkt für ein kühles Blondes erkundigt. In Afghanistan werden Geschäfte üblicherweise tagsüber gemacht. Auch die mit Bier. Leider gab es Mitte April einen Anschlag in unmittelbarer Nähe des Schwarzmarktes. Daher wird die Gegend jetzt vermehrt kontrolliert. Uns wo sich ganztags Polizei befindet, ist ein Schwarzmarkt eben auch kein Schwarzmarkt mehr. Kurzum, der Abend verlief dann ziemlich trocken. Da half auch der afghanische Running Gag nichts mehr. Die Einheimischen machen sich hier einen Spaß daraus, afghanischen Whisky anzupreisen. Es kommt dann ein Glas heisser Tee. 
 
In Kabul gibt es zwei Museen. Eine kunsthistorische Sammlung, die sich der Taliban-Minister einst höchst persönlich unter die Lupe genommen hat. Und zwar mit einem Vorschlaghammer. Übrig blieb ein Haufen Schutt und Asche, der sich von der sonstigen Bausubstanz der Hauptstadt auch nicht mehrt sonderlich unterschied. Das andere ist das OMAR Museum. Hier wird nicht etwa dem einstigen Taliban-Chef gehuldigt, denn OMAR ist die Abkürzung für das Landminenmuseum. Da Afghanistan das dicht verminte Land der Welt ist, kann sich dieses Museum jedenfalls nicht über einen Mangel an Exponaten beklagen. 
 
Mit besonderem Stolz präsentiert der Mitarbeiter alles, mit dem im Bürgerkrieg der 90er Jahre das halbe Land in Schutt und Asche gelegt wurde. Eine ist als Weinflasche getarnt, eine andere ähnelt einem Salzstreuer. Das ist dien eigentliche „Mother of all Bombs“ ärgert er sich über den jüngsten Angriff der Amerikaner im Osten. Denn seitdem ist der Begriff in aller Munde. Allerdings ist seine Mother nur so gross wie eben fünf dieser Salzstreuer, entfacht aber eine Zerstörungskraft auf über 1,5 Quadratkilometern. Über die Bombenmutter von Herrn Trump kann er allerdings nur lachen. Das ist wie mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Und ob der IS wirklich hierdurch geschwächt wurde? Nein, lächelt er. Dieses Land sei so zerklüftet, da werde niemand gewinnen. 
 
Draussen steht noch einschlägiges Militärgerät wie Bomber, Helikopter öderen Militärflugzeug. Letzteres ist bunt bemalt, dient es doch Schulkassen dazu, auch vor den Gefahren des Krieges zu warnen. Ob sich davon allerdings die Mitgliederwerbebeauftragten von Al Qaida, IS oder den Taliban abschrecken lassen? Die Erfahrung spricht eher für ein Nein. 
 
Am Nachmittag ging es dann nach Mazar e Sharif in den Norden nahe der usbekischen Grenze. Ich bin 2009 schon einmal acht Stunden mit dem Zug von Tashkent nach Termiz gefahren. Damals hiess es, ich könne ein so genanntes Visa on Arrival, also am Grenzposten erhalten. Solche Informationen könnte man heute locker als Fake News oder alternative Fakten bezeichnen. Die Reise ging damals wieder umgehend retour. Diesmal wollte ich von Kabul rein, doch angesichts der jüngsten Übergriffe habe ich dann lieber einen Flug gebucht.
 
Nun fliegt in Afghanistan alles, was anderswo schon längst keine Start- und Landeerlaubnis hat. Und während so manche Fluglinie wenigstens ein paar Kröten in Farbe investiert und so die alten Kisten optisch auf neu lackiert, gibt sich die staatliche Ariana dieser Illusion erst gar nicht hin. Die Kisten sind nicht nur alt - sie sehen auch so aus, als wären sie irrtümlich vom Schrottplatz auf die Landebahn gerollt worden. Doch der Flug sollte alle meine Ängste widerlegen. Erstens surren auch die Motoren alter Schinken und zweitens war das Wetter derart klasse, dass ich fantastische Blicke über den schneebedeckten Hindukusch hatte. 
 
In Mazar e Sharif staune ich nicht schlecht. Der Flughafen ist nagelneu - finanziert von der Bundesrepublik Deutschland und den Arabischen Emiraten. Am Ausgang treffe ich noch einen Afghanen, er spricht fliessend deutsch. Elf Jahre hat er bei Daimler in Stuttgart gearbeitet und lebt mittlerweile wieder zehn Jahre hier. Schlechte Zeiten, sagt er, was ich ihm glaube.Als ich dann später auf dem Weg ins Hotel an einer Kopie der Hanauer Landstraße mit unzähligen modernen Autohäusern vorbeifahre, bin ich mir nicht mehr sicher. Denn die Autos würde dort nicht stehen, wenn es keine entsprechende Käuferschicht gäbe. 
 
Der Abend endet dort, wo ich es nie vermutete. Bei einer Büchse kaltem Bier. Die Armee macht’s möglich. Doch dazu morgen mehr.
 
P.S.: Im Landminenmuseum wird mit auch ein Sprengkörper mit einer draufgelegten Bikini-Schönheit vor die Nase gehalten. Die Sexbombe ist freilich nie explodiert. Lag vielleicht daran, das auf dem Foto die tadschikische Gewichthebermannschaft abgebildet war.