Montag, 1. Mai - Kabul

Granaten mit Mützchen

Spüren Sie den Zauber des Orients im Garten von Barbur. So könnte es früher im Reiseprospekt für Touren nach Afghanistan gestanden haben. Wobei die einzigen, die damals unterwegs waren bekanntlich der Hippiegeneration angehörten und sich damit eher für die anderen, tendenzielle jenseitigen Oasen interessiert haben. Also biligem Hasch. Im Garten von Barbur war ich natürlich auch am ersten Tag denn allzuviele touristische Attraktionen hat Kabul heute nicht mehr zu bieten. Immerhin eine schöne Oase der Ruhe in der ansonsten chaotischen und einer jederzeit dem Verkehrsinfarkt erliegenden Stadt. Ruhe findet man auch noch auf dem so genannten britischen Friedhof der hinter Mauern abgeschirmt insbesondere der Totes der westlichen Einsatzkräfte, aber auch der getöteten Journalisten wie Anja Niedringhaus gedenkt. Hier hat man zumindest auch einen schönen Ausblick auf die an den Berghängen gebaute Stadt.

Später fuhr ich noch zu einer anderen Aussichtsplattform, dessen Bedeutung mir nach bereits einem halben Tag entfallen ist. Ich erinnere mich noch an eine riesige afghanische Flagge und die atemberaubende Aussicht. Entweder auf die Stadt oder die schneebedeckten Spitzen des Hindukusch. Da musste natürlich sofort ein Foto gemacht werden. Vorher hatte man mich in eine typisch afghanische Kluft gesteckt. Langes Hemd, Jogginghose a la Orient und ein verfilztes Mützchen. In diesem Clownsoutfit wäre ich in Deutschland als Unterstützer der Taliban sofort im Knast oder in der Psychiatrischen gelandet. Hier laufen aber alle so rum und Vorsichtsmaßnahme Nummer 1 lautet: sich nicht als Ausländer zu erkennen zu geben. Na ja, man kanns ja mal probieren.

Übernachtet hatte ich nicht in einem Hotel, sondern einem Guest House. Das beste Haus am Platz, das Serena, ist zwar um die Ecke und gleicht auch einer Festung. Aber teuer heisst hier noch lange nicht sicher. Denn die Hütte ist neben der stadtteilgroßen amerikanischen Botschaft dass zweite Lieblingsziel der Taliban. Diese stören sich nicht nur an den nichtafghanischen Gästen, sondern interessanterweise auch an dem gemischten Fitnessraum und senden ihre Grüße desöfteren via herunter hagelnden Raketen. Aber auch in mein Guest House kam ich so einfach nicht rein. Und das ist in jedem Restaurant, jeder Bank oder jedem anderen Hotel nicht viel anders.

Die Begrüßung erfolgt hier schwer bewaffnet, eine schwere Eisentür öffnet sich, dann eine Tür und dann erst kommt die Sicherheitsschleuse. Jedes Mal wird mein Gepäck kontrolliert. Der Manager sagt, er habe tagsüber 35 Wachleute angestellt und nachts 25 plus zwei Scharfschützen. Zwar bedeutet angestellt sein nicht automatisch, dass die Leute auch alle vor Ort sind, aber ich erhalte doch einen ersten Eindruck wo hier angesichts der unzähligen Anschläge die Musik spielt. Wovon würden all diese Leute eigentlich Leben, wenn hier mal Frieden einkehrt. In der Sicherheitsbranche arbeitet gefühlt jeder dritte Afghane. Immerhin wird mir gleich gezeigt, wie sicher ich bin. Im Korridor ein Wandschrank voller Gewehre und in der Lobby lagern Kisten mit Granatwerfern. Schusssichere Westen und dergleichen werden für den auf dem Stadtspaziergang befindlichen Touristen allerdings nicht vermietet.

Ich unternahm einen Ausflug in die Stadt. Fast 500 Milliarden Dollar hat der Westen in dien Infrastruktur des Landes gepumpt. Wo das ganze Geld hingeflossen, ist, kann ich nur schwer erkennen. Kabul ist eine Weltausstellung der Befestigungsanlagen, die Berliner Mauer ist hier an jeder Strassenecke präsent und kann im Vergleich getrost als ein Bauwerk freundschaftlicher deutsch-deutscher Beziehungen gewertet werden. Geradezu monumentale Mauern findet man um die US Botschaft, die des Iran oder das Hauptquartier der ISAF.

Überhaupt kann man hier die spionageverseuchte Luft geradezu fühlen. Laufend kreisen US Militärhubschrauber mit einem ohrenbetäubendem Lärm niedrig über der Stadt und filmen alles was nicht niet- und nagelfest ist. Und der Clou: irgendwo flattert ein Zeppelin herum. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, bis mir jemand erklärt, dass das weisse Ding irgendwo festgebunden ist, nun in 250 Metern Höhe schwebt und mit modernstem technischen Gerät alles mögliche ausspäht. Vermutlich haben die auch schon spitz bekommen, dass sich unter meiner verfilzten Afghanenmütze gar kein waschechter Afghane befindet.

Irgendwann bin ich auf der Suche nach dem Schwarzmarkt für Bier noch bei einem Teppichhändler in der famosen Chicken Street gelandet. Die Kekse und der angebotene Tee kam meinen durchgelaufenen Füßen gerade recht. Der Händler war wohl früher mal ein Anführer der Muhajeddin, die erst gegen die Russen und dann gegen die Taliban kämpften. Insofern war es mir auch schnell verständlich, warum auf dem Teppichen primär Motive wie Panzer, Raketen und sonstiges Kriegsgerät zu sehen waren. In einem Land, in dem seit Ende der 70er Jahre Bürgerkrieg herrscht, verkaufen sich Kriegsteppiche eben besser als altpersische Teppichmuster.

P.S. Am Abend ein Gespräch über Taliban und den Islamischen Staat. Der Unterschied ist mir bis heute nicht klar. Die als Steinzeitislamisten bekannten Taliban wären nicht zu radikal und rückschrittlich - so sagt man mir. Mir kam das gerade so vor, als würde mir jemanden den Unterschied zwischen Alexander Gauland und Björn Höcke erklären.