Sonntag,  30. April - Kabul

Kabul Calling

Mit einem riesigen Knall bin ich in Kabul gelandet. Nicht dass mit zur Begrüßung die Taliban gleich ihre Aufwartung gemacht hätten. Nein. Ein Kamikazepilot von Fly Dubai saust mit einem Affenzahn Richtung Landebahn und crashed wohl einige Meter zu früh wie ein Stein auf die Piste. Zumindest war ich dann mal wach.

Rund neun Stunden Flug liegen hinter mir, dazwischen noch ein fünfstündiger Stoppover in Dubai. Über die Stadt am persischen Golf mag man ja geteilter Meinung sein, aber der Flughafen mitten in der Innenstadt toppt alles. Zwischen Terminal 1, wo die Lufthansa landet und Terminal 2, wo Fly Dubai abhebt, gibt es keine Shuttleverbindung. Und die Taxifahrer langen erst Richtig zu. 9 Euro Grundgebühr, und das wird mangels Alternativen gnadenlos ausgenutzt.

Egal. Um 7.30 Ortszeit bin ich da. Kabul, die Stadt, von der ein früherer Verteidigungsminister einmal meinte, dass hier unsere Freiheit verteidigt wird. Er hatte sich letztendlich geirrt wie bei so vielem, was in dieser Stadt in den letzten 40 Jahren an Irrungen und Wirrungen festzustellen war. Die Leute im Flieger hatte ich mir nicht sonderlich angeschaut, mir kam es nur so vor, dass sich jeder dort hinsetzte wo es ihm passte. Wenn das im Flugzeug so anfängt, muss man sich nicht wundern, dass hierzulande auch anderweitig das Chaos regiert. Bekennende Mitglieder von Al Qaida, dem IS oder den Taliban haben sich jedenfalls nicht zu erkennen geben und so flogen wir bei stürmischer Witterung die zweieinhalb Stunden nach Kabul. Als gegen 5 Uhr die Sonne aufging, sah ich links und rechts die schneebedeckten Ausläufer des Hindukusch. Eigentlich könnte ich mir nicht vorstellen, dass hier jemand wohnt oder auch gerade deshalb alles in die Hauptstadt strömt.

Rund ein halbes Jahr hat es gedauert, biss ich mein Visum hatte. Ich spare mir die letztlich sarkastischen Anmerkungen, aber das afghanische Konsulat ist schon eine Hausnummer für sich. Das Arbeiten wurde dort jedenfalls nicht erfunden. Glauben Sie nicht, Sie könnten in Kabul einfach so auf dem Basar shoppen, hieß es dort unter anderem. Jeder Ausländer steht hier unter Generalverdacht. Entweder er ist ein Spion oder er arbeitet für die USA. Am schlimmsten ist natürlich beides.

Landung in Kabul. Dutzende von Militärhubschraubern und uralten Linienfliegern, die es auch mal verdient hätten, geputzt zu werden. Die Einreiseprozedur war völlig harmlos, der Flughafen selbst allerdings eine Bruchbude. 2010 hatten die Japaner quasi als Geschenk die zerbombte Anlage wieder aufgebaut. Ein paar Yen mehr hätte man allerdings investieren können.

Dann ging es mitten ins Getümmel. Der Verkehr in Kabul ist chaotisch und laut, es wird nur so um die Wette gehupt. Stoßstange an Stoßstange. Unglaublich. Radfahrer und keineswegs nur die fahren gegen die Fahrtrichtung, wenn es praktisch scheint. Fußgänger und Eselkarren dazwischen. Vierspurige Straßen reichen auch für sechs. Ganz Kabul hat keine funktionierende Ampel. Ich ließ mir sagen, es hätte mal Ampelanlagen gegeben. Die Hälfte der Verkehrsteilnehmer hätte sich dran gehalten, die andere nicht. Da habe man Polizisten neben die Ampeln gestellt, das Ergebnis sei unbefriedigend gewesen. Dann habe man die Ampeln abgebaut und die Polizisten stehen lassen. Und die sind jetzt auch weg.

Militär, Polizei, Sicherheitskräfte ohne Ende. Auf Pick-ups sitzen die Männer, die Maschinenpistolen mehr oder minder im Anschlag. Ich hatte gehört, man möge sich wegen der Anschlaggefahr möglichst von Militärkonvois, insbesondere aber von Tankfahrzeugen fernhalten. Toll! Nur hat keiner dazu gesagt, Weidas gehen soll.

P.S. Kabul ist voller Geschichten. Eine davon gefällig? Auf dem Gelände der deutschen Botschaft stand mal ein umgebautes Feuerwehrauto. Irgend ein Freak hatte nach dreißig Jahren nochmal die alte Tour von Deutschland nach Pakistan machen wollen. Das Fahrzeug wurde an der Grenze zu Afghanistan von der ISAF konfisziert und, da es nunmal ein deutsches Auto mit deutschem Insassen sei, der deutschen Botschaft gleich in den Innenhof gestellt.