Mittwoch,  5. Oktober - Agadez nach Tahoua

Klopfzeichen

Den Tag heute haben wir eigentlich nur im Auto verbracht. Die anstrengende Fahrt auf fürchterlichem Asphalt ging nach Südwesten in Richtung Tahoua und das über 415 Kilometer. Frühestens Wecken war daher angesagt, aber das hätte es gar nicht gebraucht. In stockdunkler Finsternis bin ich gestern Abend noch ins Hotel geschossen.

Da die Wächter schon alles abgeschlossen hatten, durfte ich mal wieder ans Tor klopfen. Sollte auch grundsätzlich kein Problem sein, jemanden zu wecken. Allerdings sind wir im Niger und da macht jeder nur das, für was er zuständig ist. Vor dem Tor pennen die Fahrer und das Militär. Beide waren natürlich sofort wach, unternehmen aber nichts. Denn ein Fahrer fährt und ein Militär sitzt kraft Amtes dumm rum. Beides ist mit dem Öffnen von Türen nicht vereinbar. Also klopfe ich, bis auch irgendwann der staatlich zertifizierte Türöffner wach wird. Da der natürlich am tiefsten schläft, sind alle wach, als ich zum Tor hinein wanke.

Unglücklicherweise war dann auch noch die Klimaanlage defekt, so dass ich in brütender Nachtschwüle ohnehin kein Auge zudrücken könnte.

Egal, um 7 Uhr fahren wir los und immerhin habe ich einen Platz auf dem Vordersitz ergattert. Das ist eigentlich der Platz, auf den die meisten Leute beten, aber da es auf der Strecke nichts zu fotografieren gibt, kann ich die Fahrt mehr oder weniger dösen. Stundenlange Sahel-Landschaft beidseits der Straße mit Dornenbüschen und Schirmakazien. Immerhin sind wir raus aus der Wüste und auf dem Boden breitete sich immer dichter das berüchtigte Gram-Gram-Gras aus, dessen Widerhaken sich überall anklammern.

Kurz bevor wir das staubige Agadez verlassen, geraten wir in eine Polizeikontrolle. Grundsätzlich gilt: je dicker der Beamte, desto größer die Probleme. Wir werden in ein sehr kleines, fensterloses Kabuff geführt, vollgestopft mit schäbigen Regalen und Schränken, aus denen vergilbtes Papier quillt. Gelangweilt sitzt ein Schwarzer in Uniform hinter einem großen, mit Papieren übersäten Schreibtisch. Zwei weitere Männer in Zivil lümmeln auf Stühlen vor dem Schreibtisch. Es riecht nicht gut in diesem versifften Büro. Der Uniformierte schiebt irgendwelche Papiere hin und her, die Zivilen schauen uns von Zeit zu Zeit gelangweilt an. Eine junge Schwarze kommt herein. Sie ist sehr hübsch und offenherzig gekleidet. Die Blicke, die sie mit den Beamten wechselt, deuten darauf hin, dass sie hier nicht nur das Diktat aufnimmt. Ob irgendwo dann auch noch ein paar Kröten über den Tresen gehen, bemerke ich nicht. Wundern würde es mich auch nicht.

Am späten Vormittag kam es zu einem sehr starken Seitenwind, der die ganze Landschaft in einen feinen Nebel aus staubförmigem Sand hüllte. Teils fürchteten, teils hofften wir, es könnte ein Sandsturm daraus werden. Dieses Erlebnis hatte ich zumindest schon lange nicht mehr gehabt. Leider nichts dergleichen und deshalb machen wir ein Päuschen bei einer Tuareg­familie. Da bei Touaregs nicht allzuviel gesprochen, dafür aber umso mehr Plunder unters Volk gebracht wird wird das Mittagessen zur reinen Verkaufsveranstaltung. Tupperparty bei den Touaregs eben ...

Im nächsten Dorf eine kalte Cola Zero anschließend rechts ab nach Tahoua. Plötzlich sahen wir in Entfernung eine große Ansammlung von Menschen und Tieren, die sich um einen Ziehbrunnen scharte. Die Nomaden waren dabei, mit riesigen Lederbeuteln, die über Seile an den Kamelen befestigt waren, Wasser aus einem Brunnen herauf zu holen. Das Wasser wurde in Tröge gegossen und stand den Tieren zum Saufen zur Verfügung. Wie immer ließen sich die Beteiligten anstandslos fotografieren, lediglich das Kreischen der ungeölten Brunnenrolle störte das sandig-romantische Ereignis.

P.S.: Am Abend zeigt ein Reisender Fotos und Videos aus Ruanda. Auf einem Video klaut ein Schimpanse eine Knarre und ballert wild umher. OMG denke ich, wenn ich dereinst vom Affen erschossen werde, lasse ich mich am Ort des Geschehens beerdigen. Warum, fragt mein Gegenüber. Mein Kommentar: In dem Ort wo ich wohne, würde man sich noch in hundert Jahren darüber den Mund zerreden: Es traf der Aff, da war er baff. Lg an H1.