Dienstag, 4. Oktober - Agadez

Der Ziegen-Deal 

Der Niger ist ein muslimisches Land und eigentlich ist Alkohol tabu. Eigentlich. In den Geschäften und Läden kann man zwar weder Bier noch andere Spaßmacher einkaufen, aber in manchen Hotels und einigen wenigen Restaurants ist immer ein kühles Blondes vorrätig. Außerdem gibt es ja noch den Schwarzmarkt. Dritte Alternative: man geht in eine einheimische Kaschemme. Diese tendenziell dunklen Löcher findet der durstige Zeitgenosse meist am Ende der Hauptstraße. Denn die Imame der Moscheen sehen es nicht gerne, wenn der fromme Muslim sich am Ende auch noch tagsüber betrinkt.

In Agadez ist das Kneipenviertel pikanterweise direkt in Reichweite der Hauptmoschee. Das Tranquille ist eine ganz böse Hütte, also starte ich etwas gemütlicher im Dounia. Da sind zumindest um 5 Uhr abends noch nicht alle bekifft. Ein idealer Treffpunkt, im sich fürs Tranquille Mut anzutrinken. Das Dounia ist so etwas wie Ottis Bayernstüberl auf der heimischen Hauptstraße. Dunkles Ambiente und das meiste spielt sich vor und hinter der Theke ab.

Keiner der Damen hinter der Theke trägt hier Kopftuch und auf dem Bänkchen in der Ecke sitzen die üblichen Prostituierten. Gut - das gibt's beim Herrn Hofmann nicht. Ich bestelle ein Bier, was hier neben Red Label und Gin in vielen Sorten serviert wird. Als einziger Weißer komme ich mir zwar etwas fremd vor, aber es dauert nicht lange, bis ich ins Gespräch komme. Denn vorn Sitzen die Jungs, die gestern noch den Lehm an die Moschee geklatscht haben, jetzt sitzen sie in der Bar und machen einen drauf. Das nenne ich modernen Islam.

Einer stellt sich als Arzt vor, ein anderer betreibt ein Geschäft. Natürlich treffen sich auch die Dorfsäufer, aber das ist die Ausnahme. Die sitzen ja alle im Tranquille. Das hat immerhin noch einen Biergarten, wo in den übelsten Ecken getrunken und geraucht wird. Einer zeigt mir alle seine Papiere - es sind Pappkartondokumente. Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt und das merkt man auch hier. Dili - so der Name auf seiner Aufenthaltsbescheinigung - mauert hin und wieder mal was. Einmal im Monat Hilfsarbeiter, sonst tut er nichts. Die fünf Kröten, die er verdient, trägt er alle alle in die Kneipe. Und vermutlich geht es den meisten hier so. Konversation ist leider nicht möglich. Nicht weil ich kein Französisch kann, sondern weil die Jungs selbst nie eine Schule von innen gesehen haben.

Heute haben wir als erstes einen Ausflug in die Sahara gemacht. Nichts aufregendes, aber in den Oasen findet man doch so einiges. Wir besuchen eine Schule, eine Oase in der Gemüse- und Zwiebelanbau betrieben wird und erkunden die Gebirgswelt - alles in der Sahara. Wir gehen auf den großen Markt und treffen Achmed, der früher in Frankfurt gelebt hat. Sein Markenzeichen: Dialekte. Und so treffe ich den ersten Nigrer, der problemlos deutsch spricht und die Leute mit Oans, zwoa, gsuffa oder Schaffe, schaffe, Häusle baue begrüßt. Ich fahre Tuk Tuk und versuche Postkarten zu finden. Eben all das, was man in einer Stadt so macht, die seit 15 Jahren keinen Touristen mehr gesehen hat. Die neuesten Postkarten tragen das Jahr 2002 und sind vermutlich auch schon so lange im Ständer. Zumindest die Restposten. Kein Tourist, keine Postkarten - so ist das eben.

Am lustigsten war es heute allerdings auf dem Kamelmarkt. Denn jeder weiß, auf exotischen Tiermärkten juckt's mich im Finger. Allerdings sind die Preise auch hier exorbitant. Kamele kosten bis zu 5000 Euro, die Mächtigen Zebu-Rinder sind unbezahlbar. Was bleibt sind Esel, Ziegen, Schafe. Bei meinem Budget beschränke ich mich auf die beiden letzteren. Verlustreiche Erfahrungen im Eselshandel habe ich ja zuhauf.

Bei einem Ziegenhändler heuchle ich Interesse. Zwischen 40 und 80 Tausend Francs kosten die Tiere, das sind 65 bis 120 Euro. Mit dem festen Willen, einen 40000er im Angebot für 30.000 zu ergattern steuere ich jede einzelne Ziege an. Meine demonstrative Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Vollkommen erschöpft ergattere ich für 33 Tausend ein Exemplar, was vermutlich nur die Hälfte wert war. Illusionen, das Tier gewinnbringend zu verkaufen, gebe ich mich nach all meinen Erfahrungen erst gar nicht hin. Ich nehme meine Ziege am Nachmittag dann kurzerhand mit und marschiere Richtung Hotel. Dort hatte ich nämlich am Vorabend in der Bar gewettet, dass ich es schaffe, dem Barkeeper eine Ziege für unter 35000 Francs zu besorgen. Differenzen sollten über Bier ausgeglichen werden. An diesem Abend erhalte ich zwei Bier gratis. Einer erfolgreichen Zeit von mir als Ziegenhändler sollte somit nichts mehr im Wege stehen ...

P.S.: Im Hotel de La Paix entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift Nightclub. Natürlich versuche ich, meine Rübe durch die Tür zu stecken. Geschlossen. Antwort an der Rezeption: Als der Laden schloss, war Modern Talking hier der Hit. Lg an H1.