Montag,  3.Oktober - Agadez

Wo ist denn der Johann ...

Agadez - staubig, dreckig und doch irgendwie schön. Die sagenumwobene Wüstenstadt hat seit Jahren um nicht zu sagen seit über einem Jahrzehnt keinen Touristen mehr gesehen. Und so treffe ich auf eine quasi nicht vorhandene touristische Infrastruktur und werde begutachtet wie der erste Mensch auf dem Mond, sofern denn dort damals Mondbewohner gewesen wären.

Das machte sich schon bei der Polizei bemerkbar, die gleich einen Anpfiff parat hatte, weil ich ohne zu fragen in die geheiligte Amtsstube spazierte. Wollte eigentlich nur nach dem Weg fragen, denn wie üblich hatte ich mich mal wieder verlaufen, weil der Stadtplan von Süd nach Nord abgedruckt war. Danach ging´s aber gleich auf Erkundungstour durch den Ort. Agadez ist ganz aus Lehmziegeln erbaut und viele Häuser weisen noch Verzierungen auf. Das höchste Bauwerk ist natürlich das Minarett der Moschee, dessen Stockbalken weit aus der Außenwand vorragen. Wie nützlich die Balken sind konnte ich gleich in Erfahrung bringen - sie dienen als Gerüst für die gerade verputzte Außenfassade. Unzählige Leute klatschen den Lehm an die Wand, damit der Turm auch die kommenden zwölf Monate als Mittelpunkt erstrahlt.

Jedes Jahr sind so einen Monat lang viele helfende Hände beschäftigt. Man kann auch sagen helfende Händchen, denn selbst vierjährige Knirpse schleppen den Lehm in Eimern von der Bewässerungsstelle zu den Jugendlichen, die dann Lehmkugeln formen, zu einem weiteren Jungen werfen, das den Lehm dann an die Wand klatscht. Kinderarbeit im Niger für Gottes Lohn. Die älteren Gemeindemitglieder dröhnen stattdessen im guten Zwirn feiertäglichen Traditionen. Doch dazu später mehr. Immerhin hat man auf dem Dach der Moschee einen fabelhaften Ausblick auf die Stadt und besonders den Sultanspalast.

Gegenüber finden sich noch einige Souvenierhändler, die seit Jahren erstmals wieder Beute wittern. Man spürt, dass hier früher mal was los war, denn die Schilder sind auf Französisch und Deutsch: "Alte Tuareg Sachen". Und das ist wirklich nicht gelogen. Der Plunder, der hier angeboten wird, war wohl schon bei den allerersten Salzkarawanen der Tuareg im Einsatz. Immerhin sind diese ihrem Geschäftssinn treu geblieben. Ein Touri ergattert eine Marke für 100 Euro, was nach späterer Begutachtung dich als 10 Euro Fake herausstellte. Irre - aber ich kaufe hier erstmal sowieso nichts. Lediglich Imitate des Kreuzes von Agadez haben es mir angetan - Noch lasse ich allerdings die Finger davon.

Weiter gings zum Sultanspalast. Im Gewimmel vor dem Gebäude waren alle Typen der Bevölkerung vertreten. Mit Schwertern bewaffnete Tuaregs, Fulbe und Stadtbewohner verschiedener Ethnien. Aus einem Hof erklangen Trommeln und am Eingang saßen zwei zerlumpte Gestalten die Eintrittsgeld forderten. Wir brachten allerdings schnell in Erfahrung, daß die beiden Cleverle in Wirklichkeit Bettler waren und traten ein. Für was man sich hier einen Sultan hält, finde ich nicht so ganz heraus. Vermutlich vertritt er die islamische (?) Gerichtsbarkeit. Außerdem war er auch gar nicht zu Hause - Wallfahren in Mekka. Stattdessen kommt der Großwesir in vollem Ornat und erzählt uns den neuesten Dorfklatsch. Als wir dann vom Hofe tuckern, Pfeife ich ein Lied: Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Dorscht ....

Mittagszeit - das heißt hier Zeit für ein Schläfchen, während das Thermometer auf über 42 Grad ansteigt. Nachts kann man ohnehin kaum schlafen. Im Zimmer schmachtet der kühlere Temperaturen gewohnte Gast bei ausgefallener Klimaanlage vor sich hin und wenn er sich samt Matratze in den Innenhof legt, ist er am folgenden Tag Opfer unzähliger Hyperaktiver Stechmücken. Zudem liefern sich Nachts die Ratten Wettrennen auf dem Blechdach.

Später erkunde ich nochmals die Stadt, in der wir uns später zu einem ganz besonderen Ereignis verabredet haben. Ab 18 Uhr trommelt und tönt es aus allen Ecken. Rund 200 meist Kinder und Jugendliche ziehen durch die staubigen Strassen und machen einen Höllenlärm. Andere schlagen mit Schwertern und Stöcken auf den Boden, tragen Masken oder eine Puppe vor sich her. Und dabei wird bis zur Ekstase getanzt, manch einem quellen beim Trommeln die Pupillen aus den Augen. Ich mische mich mitten in die Truppe, man kennt sich ja als Kerbpfarrer mit solchen Prozessionen aus. Nur dass hier nicht der Johann beerdigt wird, sondern vermutlich das alte Mondjahr feierlich zu Grabe getragen wird.

Gut - zu trinken gibt es nichts und es singt auch keiner "Wo ist denn der Johann" aber die feiern sich dermaßen in Trance, dass man dich mitten im Getümmel so sicher nicht mehr fühlt. Die Straßen der Altstadt und damit der Bewegungsspielraum werden auch immer enger und es staubt fürchterlich. Irgendwann rammt mir einer Trommler seinen Stab zwischen die Rippen, so dass ich mich immer mehr in eine Wohnung am Straßenrand abdrängen lasse. Irgendwann stehe ich dann auch mitten im Wohnzimmer, was für eine zehnköpfige Durchschnittsfamilie gleichermaßen als Küche, Schlafzimmer und Mopedgarage dient. Einrichtung: Kochtopf, Feuerstelle und Schlafmatte.

Ich verziehe mich durch und durch verstaubt ins Le Pelier, ein kleines italienisches Restaurant im Wüstenstil unter freiem Himmel und mit Fußball im TV. Die Eintracht hat verloren, die Bayern Unentschieden gespielt - nix verpasst am Wochenende. Dafür läuft hier Celta Vigo gegen den FC Barcelona. 4-3, Riesenspiel.

P.S.: Am nächsten morgen in der Auberge de Fragmichwas: ein Touri versucht verzweifelt ein Flugticket nach Niamey zu ergattern. Das Büro der einzigen Fluggesellschaft geschlossen. Touri vor Nervenzusammenbruch. Mein Tipp: Fliegen ist im Niger ganz einfach. Ich bin gestern Nacht erst geflogen. Verdutzte Gesichter. Ich: Ja, aus der Kneipe! Lg an H1!