Sonntag,  2.Oktober - Agadez

Bescherung in der Sahelzone 

Einen Nachtrag von Gestern muss ich noch loswerden: Bescherung im Busch. Für einen Aufenthalt im Gerewol Camp sollte man sich besser nicht auf die lokalen Tourveranstalter verlassen. Da verdurstet man zwar nicht, aber mit fester Nahrung ist das so eine Sache. Also musste jeder einen Seesack voller Lebensmittel in den Niger schmuggeln. Ich war für Peanutbutter, Dosenvollkornbrot und Salami zuständig, andere kümmerten sich um Käse, Schnaps und sonstiges.

Plötzlich erhalte ich Order: Verteil das mal an die Kids! Und mein Nachbar packt einen Original Dresdner Christstollen aus. Die Kleinen reißen mir das Gebäck, welches ich noch nie selbst probiert hatte, sprichwörtlich aus der Hand. Rosinen und Gebäck hatte es hier vermutlich noch nie gegeben, folglich waren die Kleinen auch nicht mit einem Stück zufrieden. Irgendwann hatte ich alles unter die Leute gebracht und hielt die leere Schachtel in der Hand. Was das bedeuten solle, wurde ich gefragt. Mein Kommentar: Wenn jetzt noch jemand O du fröhliche singt, dann ist das Thema Bescherung für dieses Jahr abgehakt.

Heute geht es in die sagenumwobene Wüstenstadt Agadez in der Sahara. Seit Jahren hat sich hier kein Tourist mehr blicken lassen, da um 2006/2007 herum die Touareg begannen die Region unsicher zu machen. Und der IS (oder ists Al Qaida - hab ich bei dem ganzen Durcheinander nicht mehr so parat) operiert hier auch. Vor Kurzem wurde allerdings ein Touareg zum Ministerpräsidenten gemacht. Der hat zwar gegenüber dem Präsidenten nichts zu melden, aber seitdem halten die Kamelberittenen Wächter der südlichen Sahara Ruhe.

Der Weg dahin ist steinig und schwer. Die rund 350 Kilometer sind ein absolutes Chaos. Das fängt schon bei den Fahrzeugen an. Toyota machts möglich... Die Keilriemen-Story von vor drei Tagen ist nichts dagegen. Einmal säuft der Wagen ab, dann gibt's einen Platten. Später versagt die Batterie und irgendwann knallt ein Stein in die Windschutzscheibe. Dass wir zigmal im Sand stecken bleiben, ist dann nur noch der Statistik halber zu erwähnen. In der Theorie ist die Straße nach Agadez gepflastert, in der Praxis komplett mit Schlaglöchern übersät. Außer mega überladenen LKWs, die sich mit 10 km/h vorwärts schlängeln, bewegt sich hier nichts.

Alles andere saust in einem Affenzahn seitlich über die Piste, quert ab und zu die Fahrbahn, um dann in noch größerem Affenzahn auf der anderen Seite weiter zu flitzen. Wer noch nie eine Rallye mitgemacht hat, der sollte sich gute Nerven zulegen. Irgendwann biete ich meinen Nachbarn eine Wette an. Was passiert als erstes? Überschlagen wir uns, fahren wir hinten auf oder drehen wir eine Pirouette im Sand? Ok, letzteres war ohnehin alle 20 Minuten der Fall. Aber es sollte viel besser kommen.

Denn bei meiner Wette hatte ich die Rechnung ohne die nigrische Polizei gemacht, die und besonders vor größeren Siedlungen oder Städten kontrolliert. Eigentlich eine Formsache, wenn nicht irgendwann der Passierschein abhanden gekommen wäre. Also alles aussteigen, inklusive Gepäck.

Die Hitze hier ist unerträglich. Kein Lüftchen und kein Schatten, dafür jede Menge Sand. Ich lasse meinen Rucksack keine Sekunde aus den Augen, solche Kontrolle sind mehr als suspekt, und am Ende fehlt die Hälfte. Zumindest musste ich nicht auf meinen Waschbeutel aufpassen.

Dann endlich rührt sich etwas. Eine Gruppe Uniformierter beginnt damit, die Gepäckstücke wieder einzuladen. Keine Ahnung, was das für Typen sind. Es ist auch keine wirkliche Uniform. Auf ihren Jacken sind je zwei Buchstaben aufgedruckt. Vielleicht ihre Initialen. Einer fragt mich, was mir gehört und jetzt will er 500 CFA-Francs fürs Verladen. Irgendwann höre ich auf die Straßensperren zu zählen. Mal wechselt ein Scheinchen den Besitzer, dann steckt ein Drei-Zentner Walross seine Rübe ins Beifahrerfenster. Spät, aber nicht zu spät erreichen wir Agadez.

Was für ein Tag! Nun brauche ich erst mal ein Niger Bier. Die Auberge le Fragmichwas ist zum Glück nicht unter konservativ muslimischer Führung, daher gibt es hier Bier bis zum Abwinken. Agadez hatte früher viele Hotels, seit der Touareg Revolte herrscht hier kein Betrieb mehr. Immerhin treffe ich zwei EU-Mitarbeiter, die mich als ersten Touristen seit Menschengedenken begrüßen.

P.S.: Natürlich frage ich die zwei von der EU, wie es denn so um das Nachtleben von Agadez bestellt ist. Ihre Antwort: das ist hier der Hotspot der Region. Angesichts dieser Aussage möchte ich nicht wissen, wo sich der Cold-Spot befindet. Lg an H1.