Samstag,  1. Oktober - Gerewol Fest

Waschbeutel ade!

Was. Ein. Tag. Um 8 Uhr bequeme ich mich aus den Federn, nachdem bereits seit vier Uhr morgens jede Menge Esel und Ziegen um mein Zelt geschlurft sind. Vor dem Zelt hatte ich gestern Abend noch meine Waschschüssel samt Kulturbeutel positioniert. Und als ich aus dem Zelt schaue, da waren sie beide weg - die Kultur und der Beutel. Mir ist ja im Laufe der Zeit so manches geklaut worden, aber dass jemand auf meine Zahnbürste und dergleichen scharf ist, das ist dann doch neu. Auf jedenfalls war ich geladen und habe der ganzen Nomandenbande erstmal mitgeteilt, dass mein Zelt ab nun eine No Go Area ist. Hat zwar niemanden interessiert, aber so war der erste Ärger erst mal weg. Den weiteren Vormittag schnorre ich mir dann das notwendigste zusammen.

Vorne am Hauptplatz herrscht noch Totenstille. Also mache ich mich auf, das Leben der Nomaden doch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Nomaden haben wir der Name schon sagt kein Dach über dem Kopf. Sie ziehen tagein tagaus umher und spannen sich abends eine Plane über einen Baum um dann dort zu nächtigen. Ihr großer Stolz sind neben Eseln, Ziegen und Schafen ihre riesigen Rinderherden. Überall sieht man die Zebus mit ihren lang geschwungenen Hörnern. Nomaden sind eigentlich Hirten, die dich um ihr Vieh kümmern.

Und so sehr ich den ganzen Tag über Vierbeiner weiden, beobachte die Tränke am nahe gelegenen See und fachsimple über den aktuellen Hirsepreis. Denn das ist das einzige was hier angebaut wird. Und der ist im Keller. Nomade sein heißt aber auch von jeder Zivilisation abgeschnitten zu sein. Schule - Fehlanzeige. Medizinische Versorgung - Fehlanzeige.

Den ganzen Tag über kommen schmerzverzerrte Gesichter und klagen mit mimischen Verrenkungen über Fieber und allerlei Schmerzen. Erstmals seit Jahren kommen hier wieder ein paar Touristen vorbei und deren Hausapotheke ist natürlich bestens präpariert. Und so entwickelt sich unser kleines Zeltcamp im Handumdrehen zur Krankenstation. Mundpropaganda ist auch bei den Nomaden allgegenwärtig und so kommt noch am gleichen Vormittag ein Kind mit Bindehautentzündung und eines mit einem Keim im Fuß, den dieser schon halb infiziert hat. Spätestens bei diesem Anblick wusste ich, warum ich nicht Arzt geworden bin. Dem Kind soll es mittlerweile wieder besser gehen, aber die Frage bleibt: Was machen diese Leute, wenn kein Tourist hier mal für ein paar Tage zeltet. Die Antwort: nichts. Die Lebenserwartung liegt hier unter 50 Jahren und die Kindersterblichkeit ist extrem hoch. Auch das ist Afrika.

Zurück zum Gerewol. In den Morgenstunden kann man die Männer beim Schminken beobachten. Dann geht es wieder los: Ya-heh, da-heh, da-heh... Jeder zeigt nochmals sein bestes, denn die Wahl des schönsten steht im Laufe des Tages bevor. Und dann werden wie auf Kommando Kleider und Schmuck gewechselt, Perlenketten umgelegt und der Federschmuck aus Straußenfedern durch einen Ochsenschwanz ersetzt.

Rund 50 Tänzer sind es heute noch, in der Mitte kniet eine junge Frau. Den Tänzern quillt das weiße aus den Augen, wie eine Ballerina versuchen sie sich so lange wie möglich auf den Zehenspitzen zu halten. Das Spektakel runden dann noch mit zahnweiss polierte Zähne am. Vom Stammesältesten begleitet steht die Frau auf und berührt einen der Tänzer. The Winner takes it all. Ich versuche mich noch mit einem Hechtsprung zwischen die beiden zu werfen, um selbst berührt zu werden .... Spässle, ich habe das kaum mitbekommen.

Und so kam es wie es kommen musste, ich bin bei dem ganzen Trubel leer ausgegangen. Ausschlaggebend war mein Hausstand, denn wer wählt schon einen Mann ohne Waschbeutel. Und vermutlich hat der dann Auserwählte nicht wegen seiner Aura oder tänzerischen Fähigkeiten gewonnen, sondern weil er die Angebetete mit original Düften aus meinem Waschbeutel bezirzt hat.

P.S. Abends gab's wieder österreichischen Schnaps, holländisches Bier und libanesischen Wein. Und eine Dauerlaufeinlage von von mir. Hinter einer Ziege, die sich gerade meiner Flipflops bemächtigt hat. Lg an H1.