Freitag,  30. September - Gerewol Fest

Christopher Street Day 

Yeah, yeah, yeah - das waren die Beatles. Ya-heh, ya-heh, ya-heh - das sind die Wodaabe. Allerdings handelt es sich hier nicht um eine nigrische Top-Band, sondern um einen Stamm in der Sahelzone an der Grenze maliischen Sahara. Und der feiert einmal im Jahr sein Fest. Über Wochen hinweg findet das Gerewol statt, über drei Tage erstrecken sich die Hauptfeierlichkeiten. Quasi Kirmes im Busch oder Herbstmarkt in der Wüste.

Unser Camp schlagen wir in Sichtweite der Nomaden auf und damit natürlich auch zum Mittelpunkt des Geschehens. Und was passiert hier? Monoton schallt es aus den Kehlen der unzähligen Tänzer. Sie bilden einen Kreis, und drehen sich langsam im Rhythmus kleiner Schritte. Manche stehen auf Zehenspitzen und zischen wie eine alte Klapperschlange. Das geht hier Tag und Nacht, was vor allem in den Nachmittagsstunden bei über 40 Grad Hitze zur puren Tortur wird. Vereinzelt torkeln Tänzer erschöpft aus der Reihe, um quasi von einem Einpeitscher mit einem Stock wieder zurück geprügelt zu werden.

Willkommen auf dem Heiratsmarkt der Wodaabe. Nun ist es allerdings nicht so, dass die Männer sich einfach so eine Frau aussuchen. Nein - das läuft hier umgekehrt, hier sucht die Frau den Mann aus und der muss sich dafür kräftig ins Zeug legen. Schon morgens schminken sich die Männer, um sich dann noch für die Girls in Schale zu werfen.

Der Niger sucht den Superstar. Zumindest die weibliche Hälfte der anwesenden Truppe. Und die legen sich nicht nur Outfit-mäßig ins Zeug, sondern tanzen, was das entsprechende Zeug hält. Nun ja, jeder langsame Walzer ist ein Formel Eins Rennen gegen das Gehüpfe hier, aber darum geht es nicht. Die Herrschaften müssen durch Ausdauer überzeugen. Kein Kerbtanz, sondern ein Kerbmarathon.

Eine Nacht noch, in morgen wird dann das Traumpaar ausgewählt. Schlechte Karten für mich, habe ich doch weder Schminke dabei, noch kann ich altersmäßig mit den unter 20 jährigen mithalten. Die Girls sind allerdings auch nicht gerade die ältesten. So ab 12 Jahre aufwärts darf hier geheiratet werden. Ab und zu denke ich an ein Fest in der Kita als an einen funktionierenden Heiratsmarkt. Meine Karten werden immer schlechter. Das ist so, als wenn man einen Skat mit lauter 7, 8 und 9ern gewinnen will.

Allerdings fehlen auch die Anreize. Die Damen hier sind nicht nur Kinder, sondern auch nicht gerade wahre Schönheiten. Im Gegenteil: Ab 20 geht das hier in Punkto Attraktivität rapide bergab. Zudem trägt Frau hier eine je nach Geschmack schicke oder entsetzlich affige Haartolle. Sieht aus wie Elvis in seinen besten oder Donald Trump in seinen schlechten, also heutigen Tagen. Eben nur in schwarz. Unsere Anwesenheit änderte die Prioritäten dann aber schon gravierend. Statt die gertenschlanken und hochgewachsenen Männer zu bezirzen, lungern die Mädels meist uns rum. Die Kommunikation tendiert gegen Null: die Mädels der Nomadenvölker können weder schreiben noch lesen. Und sprechen daher auch kein Französisch. Was mir natürlich auch nichts genutzt hätte.

Das exotische Spektakel lenkt allerdings davon ab, was sich vor allem Nachts hinter den Kulissen abspielt. Die Herren sind geradezu aufgefordert, die kleinen Mädels zu entjungfern oder am besten gleich zu schwängern. Ein Kind aus einer Gerewol-Verbindung gehört bei den Frauen gewissermaßen zur Aussteuer. Also wird hier gebumst, was das Zeug hält wie einst beim Weltjugendtag in Manila, wo morgens die Kondome tonnenweise entsorgt werden mussten. Nur dass es hier keine Kondome gibt. Den Rest kann man sich ja denken.

Hier zwischen blökenden Schafen, wiehernden Eseln und den Orgasmus getriebenen Schreien der Einheimischen ein Auge zuzudrücken ist schon eine Herausforderung. Am besten man lässt's gleich bleiben und frönt den Annehmlichkeiten im Busch. Die da wären: Österreichischer Schnaps, holländisches Bier und libanesischer Rotwein. Denn der Trip zu den Nomaden war bestens organisiert und in Punkto abendlicher Geselligkeit durch nichts zu überbieten. Zudem es auch ab den Abendstunden angenehm kühl wird und die Moskitos trotz nahe gelegenem Tümpel heute früh Feierabend machen.

P.S. Die erste Ernüchterung kam gleich zu Beginn des Festes. Die schick geschminkten Wesen waren wie von mir ursprünglich vermutet gar keine Frauen, sondern alles Männer. Da fährst du auf den Heiratsmarkt und landest beim Christopher Street Day. Lg an H1.