Mittwoch,  28. September - Tahoua

Der Keilriemen

Da ich nun wirklich keine Zeit hatte, die ohnehin nicht vorhanden Sehenswürdigkeiten von Niamey zu sehen, konzentriere ich mich nun aufs Nachtleben der Stadt. Und da lernt man so allerhand durchgeknallte Gestalten kennen. Sprachlich leider ein Unvermögen, so dass sich die Konversation in Grenzen hält.

Die größten Knaller waren allerdings nicht die Einheimischen, sondern eine Gruppe von Slovaken. Deren vordergründigstes Anliegen waren allerdings weder Land, Leute und Kultur, sondern Drugs, Sex und Rock'n'Roll. Also saufen und Weiber. Warum die allerdings ausgerechnet in den muslimischen Niger fahren, ist mir ein Rätsel. Vielleicht wollten sie auch nach Thailand und der Pilot hat sich entweder verfolgen oder die Jungs über Niamey entsorgt. Seis drum, seit gestern Nacht kenne ich alle erotischen Massagen - zumindest in der slowakischen Theorie.

Das muss natürlich gefeiert werden und deshalb sind wir noch etwas um die Häuser gezogen. Dann gab's auch noch ein kleines kulturelles Missverständnis: Nachts gönne ich mir ein Taci und ließ mich an der Hauptstraße rausschmeißen. Man will ja keine Umstände machen. Der Fahrer hat das aber so gedeutet, dass ich ihm nicht zeigen will, wo ich wohne. Weil ich ihnen nicht traue oder so. Ist natürlich totaler Quatsch, der offensichtlich bekiffte Chauffeur hatte genug Probleme sich auf den nicht vorhandenen Verkehr zu konzentrieren, als mich auszurauben.

Einigermaßen erholt stehe ich heute recht früh auf. Es scheint auch alles gut zu laufen, denn soeben habe ich die Nachrichten erhalten, das die Route in die nigrische Provinz von den Behörden genehmigt wurde. Ohne genauen Zeitplan soll es über Land zunächst nach Daalo gehen mit der Endstation Toulag. Immerhin 570 Kilometer sind auf überraschend guten Straßen zurückzulegen.

Was ganz gut klingt, sollte sich weniger überraschend wieder mal zu einer Zweitversion der Rallye Paris-Dakar entpuppen. Wie eine gesengte Sau rast der über die Piste. Oder eben auf den Sandstreifen daneben. Manchmal drehen wir uns oder schlittern mit Karacho in ein Schlagloch, während die Toyota - Geschwindigkeitsanzeige andauernd piepst. Wir fahren deutlich zu schnell, meint Toyota und das meine ich. Aber hier gilt nicht das Recht der Mehrheit, sondern das des verhinderten Formel 1 Piloten. Seis drum. Überschlagen haben wir uns nicht, am Ziel sind wir aber auch nicht angekommen. Warum? Keilriemen kaputt.

Während anderswo die Straßen von Geschäften jeglicher Couleur gesäumt werden dominiert hier nur ein Geschäftszweig. Nämlich der von Motoröl und 08/15 Kfz Werkstätten. Kein Problem, sollte man meinen. Nur ist es mit den Ersatzteilen auch nicht so weit her. Und Keilriemen gibt es jedenfalls nicht auf Vorrat. Plan B mit den berühmten Nylonstrümpfen greift auch nicht, da weder ich noch der Rest der Besatzung hier sein CanCan Outfit mitgeführt hatte. Was gibt es also schöneres als an der nigrisch-nigerianischen Grenze auf einen Keilriemen zu warten.

Wir vertreiben uns die Zeit bei einem Bier und stöbern etwas in der Stadt. Da der Niger im Jahr so fünfzehn Touristen beherbergt, bin ich auf den Straßen der Provinzstadt sowas wie Attraktion und Clown in einem. Irgendwo um die Ecke residiert hier der Sultan. Das ist in etwa so, als wenn in Reichelsheim neben dem Bürgermeister noch ein Kalif oder dergleichen die Geschäfte führt. Das Fotografieren des ganz netten Palastes war natürlich verboten, was ich mit einem Selfie zu umgehen versuche. Man schaut mit der Kamera auf die andere Seite und nimmt dann den eigenen Hintergrund auf. Auf dem Foto staune ich nicht schlecht. Ich, der Palast und ... die Dorfpolizei.

Angesichts der Ereignisse im Mai in Dschibuti mache ich mich schnell vom Acker. Der Abend endet irgendwo im Nirgendwo. Immerhin läuft auf Canal 1 die Champions League. Dortmund gegen Madrid. Bei einem schönen Niger Bier und dem üblichen Ärger übers nicht funktionierende Internet versinke ich im Bett.

P.S. Im Niger werden an jeder Straßenecke Eier angeboten, nur Hühner sieht man keine. Nun wissen wir alle was der Osterhase abseits der Osterfeiertage so treibt: er trägt die Eier im Niger aus. Lg an H1.