Dienstag,  27. September - Niamey

Stadtspaziergang 

Zum Nachtleben in Niamey schreibe ich lieber morgen was. Es ist auch nicht allzuviel passiert, sieht man einmal davon ab, dass man sich vor jedem Lokal erst mal den Weg durch die Spalier stehenden Prostituierten Bahnen muss. Die vielen UN Soldaten oder UNESCO Mitarbeiter scheinens jedenfalls nötig zu haben. Wegen der 30 Touristen, so mein Gedanke, machen die sicherlich so keinen Aufriss. Interessanterweise werden in muslimischen Geschäften keine Kondome verkauft, was die Aidsrate hier auch nicht gerade auf einem niedrigen Level halten dürfte.

Als ich vom Putzlärm geweckt werde, habe ich keinen blassen Schimmer, wie spät es ist. Mein Zimmer hat nämlich kein Fenster. Erst die Handyuhr verrät, dass es bereits nach 8 Uhr ist. Viel später realisiere ich, dass die Uhr schwindelt, da ich gestern unbemerkt eine Zeitzone durchstoßen habe. Im Niger ist man nämlich eine Stunde zurück. Lange Rede ohne Sinn: Es ist bereits nach 9 Uhr Ortszeit, also muss ich mich sputen. Oder auch nicht. Denn die Genehmigung für die Weiterreise ist noch nicht da und sollte auch heute nicht mehr kommen. Was also tun? Dann erst mal Zeit für einen Stadtspaziergang.

Überall lauern mir Verkäufer auf, um mir die zwar günstigen, aber letztendlich nutzlosen nigrischen SIM-Karten für mein Handy aufzuschwatzen. Das Problem: erstens bekomme ich den SIM Karten-Verschluss meines Handys gar nicht auf, und zweitens verkaufen die hier nur die großen Karten, während Europa schon längs auf die Micro-SIMs umgestellt hat egal. Ich will hier eh nicht telefonieren.

Statt dessen marschiere ich auf dem Boulevard de l'Independance in Richtung Zentrum, glaube ich wenigstens. Die Gegend ist recht trostlos und die Straßen ziemlich breit; gesäumt von der Kanalisation, die hier wie fast überall in Westafrika offen errichtet wurde. Daneben befinden sich ziemlich breite Streifen aus Nichts, das heißt einfach Sand und vereinzelt ein paar Bäume. Das erinnert irgendwie an die DDR-Grenze, hier hingegen befinden sich sozusagen Fußweg, Parkplatz und Verkaufsfläche in einem.

Irgendwann strapaziert ein gigantischer dampfender Müllhaufen meine Pupillen, in dem Hunde und Ziegen gemeinsam mit Menschen nach etwas Verwertbarem suchen. Welcome to Africa.

Schon bald verwandelt sich die Kulisse in ein chaotisches Bild. Genau genommen kann man Straße, Fußweg und Markt gar nicht mehr voneinander trennen. Der Grande Marché, den ich weiter südlich vermute, explodiert weitläufig in die ganze Stadt hinein bis in die Stadt hinein. Weit kann die City eigentlich nicht mehr sein, aber ich habe keinen vernünftigen Stadtplan und selbst im dicken Lonely Planet findet man nichts über den Niger. Fragen kann ich auch niemanden, da mein Französisch gleich null ist. OK, der Weg ist das Ziel, also stapfe ich weiter bei 40 Grad Hitze von einem brennenden Müllhaufen zum nächsten, vorbei an Menschen, die in die Abwassergräben schiffen, während andere ihre Taxis waschen und das Waschwasser zusammen mit den Lecks von Motoröl im Sand versickert.

Zwar bin ich gegen Gelbfieber geimpft, aber nicht gegen diesen beißenden Gestank von einer Mischung aus verkohltem Plastik, Abgasen und dem Kochfeuer der Streetfood-Verkäufer. Und der brennt wie Zunder in der Nase.

Als dann einige Kilometer weiter linker Hand die legendäre Grande Mosquée erscheint, wird mir klar, dass ich offensichtlich schön einmal um die City herum gedackelt bin. Verschwitzt und ausgebrannt erreiche ich dann die rettende Oase: eine kleines Restaurant mit kühlem Bier. Die Zeit vergeht im gemütlichen Innenhof sehr schnell und als mir wenig später der Magen brummt, wird die Köchin angerufen. So geht das hier in Niamey. Am besten ist es, sich von der reichhaltigen Speisekarte die Empfehlung des Hauses servieren zu lassen. Denn das ist meist das einzig in der Küche verfügbare.

Irgendwann setze ich meinen Marsch fort, doch schon nach einem Kilometer habe ich irgendwie das Gefühl, dass außer Dreck und Gestank nicht mehr viel zu erwarten ist. Also nehme ich mir ein Taxi, was eher einem Sammeltaxi gleich kommt. Immerhin ist bei fünf Personen die Hütte voll und nicht erst wenn die Körperteile der Passagiere aus dem Fahrzeug heraus quellen.

Soviel zum Stadtspaziergang durch Niamey, der zumindest noch durch eine Überraschung garniert wurde, bevor es abends wieder auf die Piste geht: Am Fluss Niger ist Waschtag und Gott und die Welt wäscht hier alles von Papis Unterhosen bis Muttis Abendklamotten. Bunte Bilder zum Ende des Tages!

P.S. Irgendwann treffe ich jemanden aus Deutschland. Managed Models. Ist auch schon seit Wochen unterwegs. Kann man ja von überall managen. Bei den Internetverbindungen hier dürften die nächsten Heidi-Klum-Shows ausfallen. Lg an H1.