Montag,  6. Juni -  Laasqoray / Somalia

Spritztouren

Heute sind zwei Spritztouren geplant mit offenem Ausgang und natürlich sollen auch die Piraten auf ihre Kosten. Also ab Sonnenaufgang auf Erkundungstour - heißt 5 Uhr. Schon im Morgengrauen fegt der heiße Wind wie ein Heizgebläse durch die breiten, ungeteerten Straßen der Altstadt. Ich bin auf dem Weg zum Hafen. Noch ist es für die kleinen Boote zu windig, um hinausfahren zu können, deswegen lungern die meisten Leute hier eher in den Ecken rum.

Etwa hundert Meter vom Ufer entfernt liegen drei riesige Schiffswracks halbversunken in der Bucht. Diese Frachter wurden nach Bombardierungen versenkt, doch so richtig kann oder will mir darüber niemand Auskunft erteilen. Nun rosten sie malerisch vor sich hin, die Wellen schwappen über die Decks, brechen an den sich gemächlich zersetzenden Bordwänden. Als wäre das noch nicht genug der skurrilen Szenerie, vergnügen sich Kinder, vollbekleidete Frauen und einige Straßenköter im flachen Meer. Schwärme von Krähen stürzen sich auf alles, was im angespülten Müll irgendwie nach Essen aussieht. Der Strand ist so dreckig, dass der Sand an manchen Stellen völlig unter einer Decke aus bläulich schimmernden Plastikflaschen verschwindet.

Im Dunst sieht man im Norden die Ladekräne des Tiefseehafens. Mein Ziel: auf einem Fischkutter etwas herum zu schippern. Ich hatte den Hotelmanager gebeten, jemanden zu organisieren, der mich mit einem Boot etwas hinaus fährt – wo auch immer das ist. Es gibt keine Erklärungen, Pläne oder Unterlagen. Dort angelangt sehe ich zwei Männer mit einem kleinen Boot in der flachen Brandung. Vielleicht sind sie die Piraten – und ich werde eine laaaange Reise machen! Aber der einzige Pirat an diesem Tag war wohl ich allein. Meine Schiffer jedenfalls waren keine und so war es dann auch nichts mit dem ersehnten Ziel, nach monatelangem Gratisaufenthalt in einem Kellerloch gegen Lösegeld eingetauscht zu werden.

Wenn Ausländer hier von Stadt zu Stadt reisen, müssen sie einen bewaffneten Polizisten mitnehmen. Der sitzt dann gelangweilt neben den Fahrer, kaute Khat oder mault rum. Also nichts besonderes. So ein Polizist hilft aber ungemein dabei, durch die Straßensperren zu kommen, die alle paar Kilometer mit ebenso gelangweilten Soldaten besetzt sind. Das ist dann wiederum recht praktisch. Die Herren an den Straßensperren sind weder untereinander vernetzt und ich glaube richtig zu liegen, wenn ich sage, dass die wenigsten davon überhaupt lesen können. Und englisch sprechen gleich gar nicht.

Jetzt muss man wissen, das Somalia nicht gleich Somalia. Im Norden liegt die Provinz Somaliland, die bereits seit 25 Jahren ihre eigenen Brötchen backt. Daneben liegt Puntland, die ebenfalls eine eigene Bäckerei betreiben, aber kleinere Brötchen in den Ofen schieben. Erst dahinter wird's spannend. Jedes Kaff hat seinen eigenen Clan und der macht was er will. Insofern ist jede Fahrt außerhalb von Somaliland schon eine eigene Hausnummer.

Ziel des heutigen Trips ist die Stadt Boosaaso in Puntland. Der Hotelmanager organisiert einen entsprechenden Wisch und Fahrer und los geht's zur letzten großen Fahrt. Entlang der Küste soll es gehen und dann wieder zurück nach Hargeisa. Werden die Soldaten die Genehmigung akzeptieren oder uns gleich wieder zurückschicken?

Gespannt fahren wir los. An den Kontrollen werden wir problemlos durchgewunken, jedes Mal hebt sich die Schranke, und wir dürfen passieren – aber immer erst dann, wenn der Zettel vorgelegt wurde. Das Spiel geht bis Laasqoray, rund 70 Kilometer vor Boosaaso. Dann kommt nämlich raus, dass der mir ausgehändigte Wisch gar kein offizieller Wisch ist, sondern etwas zusammengebasteltes, was an der Grenze zu Puntland endet.

Die Landschaft ist jetzt auch nicht gerade abwechslungsreich, ergo machen wir es uns in dem kleinen Hafenstädtchen noch etwas gemütlich. Immerhin habe ich so zwei Stunden Zeit gewonnen und kann die Zeit am Indischen Ozean verbringen. Allerdings ist Ramadan und da haben die Hütten, die was essbares anbieten könnten tagsüber eh geschlossen.

Das Gebiet hier wird übrigens von einem Clan kontrolliert, dessen Häuptling mein Hotelbesitzer in Berbera kennt. Sonst wäre ich mit Sicherheit noch nicht mal hierher gekommen.

P.S. In Berbera interviewe ich den Hotelier und bitte um Auskunft hinsichtlich meines Dokuments: ja das hätte er selbst erstellt, mache er öfters und die Polizeiposten können eh nicht lesen. Man muss hier nur dem richtigen Clan angehören. Laut dem Auswärtigen Amt besteht für das Grenzgebiet Somaliland / Puntland eine Reisewarnung. Sterben kann man hier wirklich. Vor Langeweile.