Samstag,  4. Juni - Hargeisa / Somalia

Rallye Busch - Dakar One Stop

Welcome to Somalia! - schon aus der Entfernung grüßt der somalische Grenzbeamte . Dabei ist auf Anhieb zu erkennen, wo Djibouti aufhört und Somalia anfängt. Bis zur Grenze eine gut ausgebaute Straße und dann das sprichwörtliche nichts. Und das sollte für die nächsten neun Stunden auch so bleiben.

Dies ist jetzt aber definitiv der Arsch der Welt. Hier ist das Niemandsland zwischen zwei armen Staaten mit einem kleinen Unterschied. Zwischen den somalischen Baracken quillt so scheint es der Plastikmüll der gesamten Menschheit hervor. Das mit dem Visum war eine längere Geschichte, hier aber am Ende der Welt geht alles ganz fix. Allerdings kein Geldwechsler weit und breit zu sehen, eine in der Tat neue Erfahrung. Ich verlasse das Grenzhäuschen und bin in Somalia.

Oder auch nicht. Die politische Situation ist hier durchaus verwirrend. Während der Kolonialzeit war Somalia zweigeteilt: Das Gebiet im Süden, von Italien beherrscht mit Mogadischu als Hauptstadt, bildete das Italienisch-Somaliland. Im Nordteil an der Grenze zu Äthiopien etablierten sich die Briten und machten Hargeisa zu ihrem Hauptsitz. 1961 wurden beide Kolonien unabhängig und vereinigten sich zu Somalia. Seit 1991 herrscht Bürgerkrieg und der nördliche Teil erklärte sich als Somaliland unabhängig. Somaliland wurde aber nie und von niemandem anerkannt und ist somit ein Teil Somalias.

Ich bin in dieser Gegend nicht allein unterwegs. Hinten im Pick-Up sitzen wir zu dritt, vorne Fahrer und ein Militär mit ausreichend Schusswaffen und dem Schwitzfaktor sämtlicher Ferkel im Schweinestall von Alfred Ess. Über neun Stunden gurken wir über staubige und sandige Pisten. Straßen oder auch nur straßenartiger Untergrund ist komplette Fehlanzeige. Teils sind mitten in dieser Wüste noch nicht einmal Spurrillen zu erkennen, an denen sich der Fahrer orientieren kann. Aber hier kennen die Leute jeden Busch und jede Düne und so schwindet zwar die Hoffnung mit jedem Kilometer, nochmals einen asphaltartigen Untersatz zu finden, aber auf den Orientierungssinn des Fahrers konnte ich vertrauen.

Ansonsten viel Getier, vor allem Kamele, Ziegen, Esel und Antilopen. Hier und da liegen ein paar Menschen im Schatten von rollbratenähnlich verpackten Buden und frönen der Hitze.Wie gesagt, 9 Stunden bin ich ohne Pause von der Grenzstation in Richtung Hargeisa gerumpelt unterbrochen nur vom fünfminütigen Gebet des Fahrers. Der hält irgendwann als keiner mehr dran glaubte an, packt den Teppich aus und verneigt sich gen Mekka. Zumindest wusste ich dann wo Norden und damit Mekka ist. Außerdem eine gute Gelegenheit, die eingerosteten und schweißgebadeten Glieder etwas zu bewegen.

In Bewegung geriet dann allerdings der nunmehr unter Zeitdruck stehende Fahrer. Der will uns offensichtlich beweisen, dass er die Rallye Paris-Dakar mit links und dem Telefonieren mit zwei Handys zwischen den Fingern gewinnen würde. Die erste Beule am Kopf ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten. Irgendwann erreiche ich dann Hargeisa und erstmals spüre ich Asphalt unter mir. Das war die erste und vermutlich auch für einige Zeit längste Buschtrail. Quasi nonstop vom Busch in die Hauptstadt. Hurra.

Und ich habe Hunger. Vorsichtig nähere ich mich einem Imbiss, es gibt Spaghetti und ein paar Stücke Hammel, die in einer braunen Soße vor sich hin köcheln. Neben dem Topf mit dem Fleisch hängt der Rest des Tieres in der Sonne, ein Schwarm schwarzer Fliegen findet die Umgebung des stinkenden Hammels durchaus lecker. Thema Essen für heute abgehakt. Ein paar Chips von einem Straßenhändler um die Ecke müssen es auch tun.

Ich schlendere die Straßen entlang und da ist so einiges los. Die Geldwechsler etwa sind ein erstaunlicher Anblick: Bündel über Bündel liegen die Somalia-Shilling-Scheine vor ihnen, aufgetürmt zu dicken Paketen! Die gebräuchlichsten sind die 500-Shilling-Scheine die nicht mal 7 Eurocent wert sind. Der 1000er ist der größte Schein. Wer hier einen Gebrauchtwagen in Cash erwerben möchte sollte sich rechtzeitig einen LKW zwecks Begleichung der Kaufsumme kümmern.

P.S. 50 Dollar will ich wechseln, fast 1.000 Scheine bekomme ich für meinen einzigen. Selbstverständlich liegt eine Plastiktüte bereit, in der ich meinen neuen Reichtum ins Hotel tragen kann.