Freitag,  3. Juni - Djibouti City / Djibouti & Hargeisa / Somalia

Ganove Nummer 2065

Kleine Korrektur zum Blog von gestern. Ja - das Bier ist verdammt teuer und so findet man in den einschlägigen Pubs hier eher Arbeiter ausländischer Firmen oder Militärs. Man muss aber auch die richtigen im Lonely Planet nicht vermerkten Kaschemmen finden. Rinde davon ist das Casanova. Eine ziemlich dunkle aber dennoch urige Kneipe, in der sich junge Djiboutis treffen. Man kommt auch nur über verwinkelte Wege rein, denn eigentlich soll sich die muslimische Jugend ja nicht mit Alkohol zudröhnen. Schon gar nicht am Freitag und erst recht nicht am Beginn des Ramadans.

Aber wie das so ist. Der Prophet sagt A und seine Schäfchen ignorieren dies und treffen sich in dunklen Hinterhofkaschemmen. Lockere Gespräche gab's mangels beiderseitiger Sprachbegabung leider nicht, also habe ich die Leute beobachtet. Frauen ohne Kopftuch, eine resolute Bedienung und niemand von den Kath-Kiffern, der dich zutextet. Jedenfalls ging dies so bis halb drei Uhr nachts. Plötzlich jedoch spielt ein Polizeitrupp Razzia. Ausweise werden kontrolliert und nach einer weiteren halben Stunde ist der Zauber vorbei. Wir werden alle hinauskomplimentiert. Es sollte nicht die letzte Begegnung mit der Polizei werden.

Vor der Abfahrt nach Somalia drehe ich nochmals eine große Runde um den Block. Nach wenigen Minuten kreuzen meine Wege die einer bunt verhüllten Damengruppe, so dass meine Kamera geradezu nach einem Foto lechzt. Da das Fotografieren immer so eine Sache ist, wähle ich ein Motiv in einer anderen Richtung und schieße das gewünschte Foto fix aus der Hüfte. Klappt auch - Foto gemacht. Das Fakemotiv war eine harmlose Baumallee. Dachte ich, doch urplötzlich eilen wild mit den Händen gestikulierende Polizisten zu mir.

Hinter der Baumallee befindet sich das Polizeihauptquartier. Zwar lösche ich noch schnell das Foto von den Mädels, aber das unbefugte Fotografieren von staatlichen Einrichtungen ist hier kein Kavsliersdelikt. Nicht Freund oder Feind lautet hier die Devise, sondern Tourist oder Feind. Are you Journalist? Are you an Enemy of Djibouti? Das waren noch die harmlosen Fragen. Dass ich hier harmlose Bäume Fotografieren wollte, glaubt mir niemand. Also was passiert? Der Kommandant wird gerufen.

Und der checkt erst mal mein Handy mit den zugegebenermaßen unvorteilhaften Fotos vom verslumten Marktgeschehen. Fragen über Fragen. Parlamentsgebäude fotografiert - verboten. Präsidentenpalast fotografiert - erst recht verboten. Irgendwann landen wir beim Vaddertag der Feuerwehr und anderen lustigen Veranstaltungen. Danach filzt er meinen Pass. Stempel aus Nordkorea, Iran, Irak und was sonst noch alles. Mein Ruf als wahlweise Spion oder Journalist war nicht mehr auszuradieren.

Natürlich lag sein Fokus auch auf den gelöschten Fotos. Weiß nicht, wie ich die finden kann - 1 zu 0 für mich. Ich soll das Handy auf Französisch einstellen, damit die Polizei das selbst checken kann. 1 zu 1. Weiß ich auch nicht wie das geht - 2 zu 1 für mich. Ok - wir kopieren die Handyfotos alle auf den Polizeirechner. 2 zu 2. Mein Kabel liegt im Hotel. 3 zu 2 für mich. Macht nichts, wir haben eins. 3 zu 3. Funktioniert aber nicht - 4 zu 3 für mich. Dann soll ich denen alle Fotos aus ein Handy schicken. Habt ihr WIFI? Die Runde geht mit 5 zu 4 an mich.

In Punkto Psychologie sind die Jungs aber fit. Meine Finger vibrierten, behauptete ein Polizist, obwohl ich nichts merkte. Sind das jetzt die altbekannten Tricks, um vermeintliche Spione zu überführen, einzuschüchtern oder zu entlasten. Erstmals wirds mir mulmig. Was mein gegenüber ebenfalls wahrnimmt.

Nun werde ich rund 30 Minuten in Sicherheitsverwahrung genommen. Das Komitee tagt, was mit mir zu tun ist. Handy samt Foto darf ich behalten, dafür ziert meine Rübe jetzt die lokale Verbrecherdatei. Der eine oder andere kennt das aus US Filmen. Schild mit Nummer und dann Porträtfotos von allen Seiten. Dazu noch Fingerabdrücke, jeder natürlich einzeln. Statt eines US Schilds bekam ich ein Täfelchen wie es ganz früher in den Schulen gang und gäbe war. Nunmehr bin ich hier als Ganove Nummer 2065 in der lokalen Verbrecherdatei registriert. Auch das mit den Fingerabdrücken verlief nicht nach Plan. Dort stand ein thekenartiger Tisch komplett mit Tinte eingeschwärzt. Also stützte ich erstmal meine beiden Ellenbogen samt Händen auf dem Tisch ab und sah schon vor dem Abnehmen der Fingerabdrücke aus wie gerade fertig geschminkt fürs nächste Sternsingen.

Zu guter letzt sollte ich noch aufs Protokoll warten, hatte aber keine Lust mich nochmals in die Sicherungsverwahrungszelle zu setzen. Meine Reklamation hatte Erfolg. Ich wurde an die Rezeption gesetzt. Aushelfen bis das Protokoll unterschriftsreif ist. Wars dann auch - nach zwei Stunden ...

P.S. Angesichts dieser Ereignisse erscheint der eigentlich angedachte Blog zur Überfahrt nach Somalia erst morgen. Trotz diverser Mails mich mal schlau zu machen, was in Mogadischu gerade abgeht muss ich jetzt in Somalia feststellen: mein Eintrag ins goldene Buch des Polizeihauptquartiers von Djibouti war spannender als die Einreise ins von allen Mächten des Bösen geplagte Land am Horn von Afrika.