Dienstag,  31. Mai - Lac d'Abbe / Djibouti

Stolperfallen

Der gestrige Abend im Wellblechviertel - Pub hatte es in sich. Nicht wegen des Alkokolkonsums, sondern wegen des Heimwegs. Das Publikum war eher jung, lauschte harmlosen Afrorhythmen und zeigte sich auch sonst zufrieden. Auch wenn niemand auf die Uni ging, mit Englisch ist das eine oder andere Gespräch problemlos möglich.

Äthiopien boomt, zumindest ein bisschen. Das Land hat sich von der marxistischen Mengistu-Diktatur erholt und blickt nach vorne. Dauernörglen wie in heimischen Gefilden ist hier nicht angesagt, im Gegenteil: Deutschland gilt als Sinnbild für Erfolg und Stabilität.

Nörgeln gegenüber der Strassenmeisterei sollte allerdings erlaubt sein. Selbst die belebtesten Straßen sind in Punkto Bürgersteig spärlich beleuchtet. Und dort tummeln sich nicht nur Obdachlose im Tiefschlaf und metertiefe Löcher. Auch ein bis zwei Meter lange Hohlblocksteine stellen Stolperfallen dar und so kam es wie es kommen musste. Irgendwann stürze ich über einen Steinblock und falle geradewegs auf den dort nächtigenden Zeitgenossen. Ein kurzer Moment, es folgt ein lauter Schrei, denn der sich vermutlich gerade aufgrund des nachmittäglichen Kat-Konsums im Jenseits befindliche Äthiopier wird von mir abrupt ins Diesseits befördert. Während ich ihn unsanft aus seinen Bunte-Farben-Träumen riss, war ich im Nullkommanichts wieder stocknüchtern.

Next Stop Djibouti. Die Grenzer sind die Unhöflichkeit in Person und schicken mich von Pontius zu Pilatus. Die natürlich auch nicht da waren. Ein Visum berechtigt noch lange nicht zur Einreise und Land. Was ich hier will, wollen die Polizisten wissen. Gute Frage, denke ich. Glücklicherweise fällt mir noch mein Workpermit für Somalia ein. Ich bin ja nur auf der Durchreise.

Das weitaus größere Problem dann vor dem Flughafen. Das Thermometer zeigte mörderische 40 Grad im Schatten an, der natürlich nirgends zu finden ist. Bedenkt man, dass die Hauptstadt an der Küste liegt, ist die Vorfreude auf die drei Tage Djibouti etwas begrenzt. Bereits in Deutschland hatte ich eine Zweitagestour zum Lac Assal und Lac Abbe gebucht. Beides Salzseen, der letztere an der Grenze zu Äthiopien. Am Ende der Welt könnte man sagen. Den vorn der See, links und rechts die Wüste und den Weg zurück finden nur Einheimische oder auch nicht. Aber alles der Reihe nach.

Sobald man die Stadt verlässt, scheint die Zeit am Straßenrand um tausend Jahre zurückgedreht zu werden: Nomadenzelte, Ziegen, wilde Kamele. Es sieht aus, als würden wir durch die Hauptgeröllproduktion der Welt fahren. Vorbei geht es an Unmengen von Trucks und natürlich auch an sehr armseligen Holz- und Blechhütten. Nach etwa 130 Km fast nur mit schweren Lastwagen befahrenen Asphaltstrasse ist  eine Schotterpiste-Spritztour angesagt.. Die 65 Km bis zum Lac d'Abbe sind staubig und nur auf kurzer Strecke gut zu fahren.

Vereinzelt begegnen wir den hier lebenden Afar-Nomaden, die zur Abwehr von Fotografierwünschen wild mit ihrem Pfeilstöcken fuchteln. Weniger resistent gegen meine Linsen sind die wenigen Kamele und Gazellen. Das Gebiet mit seinen warmen Quellen ist geothermisch aktiv, selbst eine Pet-Flasche schmilzt in Bruchteilen einer Sekunde, als ich sie in der Quelle halte.

Unser - das waren zwei Fahrer und drei Touris - Lager war in der Nähe des Lac d'Abbe, wo wir etwas geplagt vom sanddurchsetzten Wind unsere Bienenkorbhäuser mit den Lazarettbetten bezogen. Das sind hier die Hütten der Nomaden. Very Basic, die Duschen waren seit Monaten nicht mehr benutzt. Gekocht wurde im Dunst von Petroleumlampen, die der Wind auch schnell ausblies. Gegen 22 Uhr verkrieche ich mich ins Wespennest, um genau eine Minute später wieder auszuziehen und im Freien zu nächtigen. Bei mörderischen Temperaturen im Inneren a la Permanentaufguss in der Sauna zog ich das Lüftchen draußen vor. 

P.S.: Der Stamm der Afar-Krieger ist nicht nur Fotoscheu. Allen die Frage nach einem Foto löst wilde Drohungen mit dem Wanderstock aus. Wer hier heiraten will, der muss der Braut und ihrer Familie den Ernst seiner Absichten mittels einer von zwei Prüfungen demonstrieren. Entweder zwei Männer ermorden oder ihnen zumindest die Hoden abschneiden. Zum Glück war keiner der Herren auf Brautschau.